The Crew (Xbox One) im Test – Ohne Crew durch die USA

Ihr seid euch nicht sicher, ob ihr euch ein bestimmtes Spiel kaufen wollt? Dann haben wir hier für euch Tests zu aktuellen Spielen.
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thomary
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The Crew (Xbox One) im Test – Ohne Crew durch die USA

Beitragvon thomary » So 7. Dez 2014, 17:37

„Never Drive Alone!“ Mit diesem Schlagwort bewirbt Ubisoft The Crew, ein Titel, der ursprünglich als exklusive „Next-Gen“-Erscheinung angepriesen wurde und das Genre des Racing-MMO zurückbringen soll. Die komplette USA steht zur gemeinsamen Erkundung und Eroberung offen – Wir haben mit der Fassung für die Xbox One herausgefunden, ob das Konzept aufgeht.

The Need for Speed

Alex, der Protagonist von The Crew, kommt trotz, oder gerade wegen fünf Jahren im Knast nicht aus seiner Haut: Durch den Drang, sich wieder hinters Steuer zu setzen und dabei zudem noch den Mörder seines Bruders zu erwischen, schließt er sich dem FBI an, um die 5|10 zu infiltrieren, ein Racerclub, der quasi die ganze USA beherrscht. Nicht nur Shiv, dem Mörder, sondern auch einem korrupten FBI-Boss soll es an den Kragen gehen.

The Crew macht den Job ganz gut, wieder mal eine Story in ein Rennspiel zu packen, zumindest sind so die vielen Events nicht sinnlos aneinandergereiht. Eine tiefgehende Handlung braucht man aber nicht zu erwarten. Die meisten Figuren lassen sich problemlos ins Schwarz-/Weiß-Schema einordnen. Zentrales Motiv ist Rache, das Ubisoft die vergangenen Jahre schon ordentlich ausgelutscht hat. Die Frage liegt nahe, ob Ubisoft keine anderen Ideen für ihre Geschichten hat.

Neben einer Zahl verschiedener Events im Rahmen der Story, die normale Rennen, Verfolgungen (als Jäger oder Gejagter), Zeitrennen und mehr umfassen, gibt es dabei noch unzählige Aktivitäten in der von Anfang an frei befahrbaren Welt, die über die bloße Erkundung hinausgehen: Sehenswürdigkeiten können besichtigt werden und eine übertrieben große Anzahl an Fahrtests warten darauf, absolviert zu werden, die je nach erbrachter Leistung Verbesserungen für das Fahrzeug einbringen. Es gibt verschiedene Arten dieser Tests, die sich aber dennoch recht schnell wiederholen, wie zum Beispiel Slalom- oder Präzisionstests. Durch die übergroße Anzahl der Tests erhält man viel zu schnell Teile, die man nicht mehr brauchen kann, sie werden dann in Bares umgewandelt.

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Alex ist auf Rache aus!


Du bist in meinem Team! Ich mach dich fertig!

Die Komponenten von The Crew klingen doch verdächtig nach einem umfangreichen Rennspiel für Einzelspieler, oder? Doch natürlich möchte der Titel mehr sein als das, nämlich ein waschechtes Racing-MMO, wie The Crew auch beworben wird. Aus diesem Grund seid ihr tatsächlich (fast) nie alleine unterwegs, sondern in einer Spielsitzung mit anderen Spielern, die gerade ebenso die USA durchstreifen und Missionen oder andere Aktivitäten absolvieren.

Der Grundgedanke daran wird euch am Anfang des Spieles vermittelt: Nur in einer Crew könnt ihr gegen die 5|10 bestehen, Zusammenarbeit ist alles. Dumm nur, dass The Crew sein eigenes Grundkonzept ad absurdum führt, sobald ihr euch echte Mitspieler ins Boot holen wollt. Erstens werden Potentiale der Spielwelt für MMO-Aktivitäten nicht genutzt, zweitens bedeutet in der Story, in einer Crew unterwegs zu sein, gegen- und nicht miteinander.

Vor allem bei Rennen wird nur derjenige gewinnen, der tatsächlich als erster ins Ziel kommt. Spielt ihr also insgesamt zu viert eines der Story-Rennen, dürfen mindestens drei nochmal antreten. Nur eben die nicht, die das Rennen vorher schon mal bestanden haben. Das Bilden von Crews ist vermeintlich sehr einfach auch wenn man nicht mit Freunden zusammenspielt: Der Blitz-„Koop“ kann ausgelöst werden und würfelt alle zusammen, die gleichzeitig die Mission als Crew bestehen wollen. Schon wenige Tage nach Release wundert uns nicht, dass kaum einer dieser Funktion noch nutzt. Denn: Wofür eigentlich? Immerhin zieht sogar das verkorkste DRIVECLUB das Crew-Element sinnvoller durch als The Crew.

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Die Spielersuche funktioniert theoretisch einfach. Schade, dass das (aus gutem Grund!) keiner nutzt.


Modern auf Krampf

Kleine Lichtblicke bei Crew-Rennen in The Crew sind nur bei Zeitrennen oder Verfolgungsjagden in Sicht, da alle die Veranstaltung bestehen, sobald einer pünktlich das Rennen beendet bzw. das entsprechende Ziel ausschaltet. Punktzahlen bekommt dennoch jeder individuell, die Crew-Leistung spielt keine Rolle.

Der gesamte MMO-Krampf wirkt, wie nachträglich The Crew übergestülpt. So, als ob Ivory Tower das Ganze schon seit einer Weile als Einzelspielererfahrung in Entwicklung hatte, dann aber die Anweisung kam, dass der Titel nun mit Online-Features modernisiert werden muss. Das Konzept geht dabei vorne und hinten nicht auf und wurde wahrscheinlich nur in Grundzügen durchdacht. Die NPCs, die nach und nach ins HQ einziehen und diverse Boni liefern, sind die einzigen nützlichen Crewmitglieder und bestätigen, dass der Name des Spieles wahrscheinlich alleine hierauf anspielen sollte.

An der „Next-Gen“ vorbeigerast

Wenn einem schon so der Gedanke kommen könnte, dass The Crew schon eine Weile in der Schublade lag, dann stellen technische Komponenten des Spieles schon fast eine eindeutige Bestätigung dar. Rein grafisch stellt man schnell fest: „Next-Gen“ ist das nicht!

Zwar ist die Spielwelt riesig und oftmals wirklich schön, aber rein technisch ist nichts davon zu sehen, dass The Crew angeblich nur mit den neuen Konsolen im Hinterkopf entwickelt wurde: Miese Texturen dominieren, Pop-Ups haben auch ein für Rennspiele viel zu großes Ausmaß und das Kantenflimmern übertritt die Schmerzgrenze um ein Vielfaches. Zudem gibt es häufige, aber zum Glück kurze Framerateeinbrüche.

Ivory Tower hatte zudem ganz eindeutig Probleme damit, der Welt in The Crew echtes Leben einzuhauchen. In Rennen und Missionen greift man dazu viel zu oft auf Scripts zurück: Dann sehen wir an den immer gleichen Stellen Flugzeuge oder schlecht gescriptete Züge oder bestimmte Ereignisse werden ausgelöst. Außerhalb der Missionen gibt es ein zufriedenstellendes Maß an Dynamik in der Spielwelt, aber solche großen Ereignisse wie Unfälle, Staus oder sonstiges fehlen, da man hier eben nicht auf Scripts zurückgreifen konnte. Viele weitere kleine Schönheitsfehler gibt es darüber hinaus noch, wie zum Beispiel dass einige Gesprächspartner animierte Bildchen erhalten, wenn ein Telefongespräch läuft, andere werden jedoch nur als starres Portrait eingeblendet. Achja: In der sonst gelungenen Cockpitansicht sind Rück- und Außenspiegel völlig unbrachbar und nur mit grauem Schleier belegt - Das muss man sich im Jahr 2014 erstmal einfallen lassen.

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Immerhin wurden viele Umgebungen gut eingefangen.


Arcade pur

Dass bei The Crew erfahrene Entwickler von Driver, Test Drive Unlimited zusammenkamen, merkt man lediglich an der gelungenen Fahrphysik: The Crew verfügt über eine sehr gelungene und arcadelastige Steuerung, die zudem Eigenheiten bestimmter Fahrzeuge gut widerspiegelt. So steuern sich Muscle Cars beispielsweise deutlich schwammiger als unser Mini Cooper, mit dem wir toll auf der Straße liegen und mit angenehmen Drifts die Kurven meistern können.

Stichwort meistern: Für bestimmte Aktionen wie Drifts oder knappes Überholen kassieren wir natürlich Belohnungen in Form von Bargeld. Unverständlicherweise werden diese jedoch während Rennen oder sonstigen Veranstaltungen deaktiviert, sodass wir nur während der freien Fahrt unser Budget aufbessern können.

Keine gute Arbeit geleistet wurde ebenso bei der Kollisionsabfrage: Anstatt wirklich mit ihnen zu kollidieren, wird man häufig von Objekten und anderen Fahrzeugen auf ulkige Weise einfach abgewiesen. Plötzlich fahren wir also einfach neben dem Auto, das wir gerade von hinten gerammt haben. Nur bei entsprechend hohen Geschwindigkeiten wird ein echter Crash ausgelöst.

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Nach und nach präsentieren sich neue Ziele der 5|10


KI zum Wegschmeißen

Leider greift die Regel nicht bei der KI, die im Einzelspielermodus von The Crew ein großes Ärgernis ist. Insbesondere bei Verfolgern wie der Polizei oder anderen Crews scheint bei Ivory Tower die Regel gegolten zu haben, dass sie fies um jeden Preis programmiert werden müssen.

Verfolger können einen nach Herzenslust ausbremsen oder quer über die Fahrbahn schubsen, woraufhin man ruckzuck festgenommen wird. Umgekehrt funktioniert das Ganze nicht: Rammt man selbst ein Polizeiauto, ist man meist wieder selbst derjenige, der abgewiesen wird und über die halbe Strecke schlittert. Um Verfolgern zu entkommen, muss man aus ihrem Sichtkreis verschwinden. Das klappt meistens, dumm nur, dass meistens vor einem dann einfach neue Verfolger oder Straßensperren auftauchen. Wer Watch Dogs gespielt hat, wird feststellen, dass diese Mechaniken wahrscheinlich 1:1 in The Crew übernommen wurden.

So werden die Verfolgungsjagden im Einzelspielermodus zum unnötig frustigen Erlebnis. Wir hätten lieber eine auf andere Weise fordernde KI gesehen. Besonders ärgerlich: Meist gibt es einen, wahrscheinlich von den Entwicklern vorgesehenen, Weg, den Verfolgern sehr einfach zu entkommen. Scheitert man, sollte man also einfach einen anderen Weg ausprobieren, meistens klappt es dann irgendwie. Die normalen Rennen sind dann die Veranstaltungen, wo die Gegner-KI wirklich mal fordernd ist, wenngleich das auch nur durch starkes Gummiband erreicht wird.

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Der „echte Multiplayer“

Wen die Freie Fahrt durch die USA oder die Story wenig überraschend dann doch schnell langweilt und/oder frustriert, der hat die Gelegenheit, an echten PvP-Rennen teilzunehmen, die letztlich durch Lobbies komplett von der Freien Fahrt abgetrennt sind und für die man sich erst bei der Lobbysuche anmelden muss.

Prinzipiell versteckt sich hier ein weiterer starker Teil von The Crew, der aber dennoch durch viele technische Fehler getrübt wird. Für die PvP-Rennen schließt ihr euch einer von fünf Fraktionen in der Spielwelt an, für die ihr Ansehen sammelt und auf dieser Basis ein tägliches Einkommen sammelt. Ein cooles Element, letztlich aber leider fast ohne Belang für den einzelnen Spieler. Die Fraktion kann jederzeit gewechselt werden.

PvP-Veranstaltungen werden in fest vorgegebenen Events abgehalten und es handelt sich um normale Rennen, die entweder in Viererteams oder Jeder gegen Jeden mit vier Spielern abgehalten werden. Gerne hätte man sich hier auch größere Lobbies gewünscht. Problematisch ist häufig der Ablauf: Spiele werden prinzipiell erst gestartet, wenn die Lobby voll ist. Selbst wenn im Matchmaking also schon sieben von acht Spieler gefunden wurden, geht es nie los. Höchstens bei bestehender Lobby wird dann gestartet. Andererseits kommt The Crew aber auch häufig auf den lustigen Gedanken, Spiele zu starten, wenn man nur noch alleine in der Lobby ist, was dann mit Fehlermeldungen quittiert wird.

Überhaupt funktionieren die Onlinesysteme nicht besonders gut: Gerade beim Auslösen des Blitz-Koop findet man häufig sich selbst als geeigneten Mitspieler. Konsequenz: The Crew spuckt dann eine Fehlermeldung in der Art von „thomary konnte thomarys Crew nicht beitreten“ aus. Wen überrascht das!

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Die Suche nach einem PvP-Spiel kann dauern.


Fazit: Nicht nur die Größe zählt

Irgendwo in The Crew schlummert ein gutes Rennspiel. In den besten Momenten beeindruckt die riesige Spielwelt mit ihrer Weitläufigkeit und der gelungenen Gestaltung und das gute Handling begeistert. Man bemerke: In diesen Momenten scheint sich The Crew in erster Linie an Einzelspieler zu richten. Leider handelt es sich hierbei lediglich um wenige Ausnahmen. Der Ärger steckt hier eher im Kern des Spiels an sich.

Während der Einzelspielermodus schon mit genug Schwächen hinsichtlich frustrierender und sich wiederholender Missionen sowie der miesen (Gummiband-)KI zu kämpfen hat, so erweisen sich die MMO-Elemente als völlig nutzloser und aufgezwungener Aufsatz: In den Hauptmissionen wird der Grundgedanke einer „Crew“ durch ständiges Gegen-, aber keinerlei Miteinander sofort wieder zunichte gemacht. Die Hauptbotschaft des Spieles, dass man zusammen am stärksten ist, wird ad absurdum geführt.

Der „echte“ Mehrspielermodus, den man lieber komplett von der Kampagne abgekapselt hätte, zumal er in linearer Eventform daherkommt, bietet an sich viel Raum für spannende Rennen, wirkt aber ebenso wenig durchdacht: Entweder kommen Lobbies gar nicht zustande, oder aber werden nicht gestartet, wenn nur einer von acht Spielern fehlt, dann wiederum jedoch, wenn nur einer alleine anwesend ist.

Auch sonst sorgen viele technische Mängel bei der Spielersuche dafür, dass die Onlineelemente schnell zum verhassten Teil des Racing-„MMO“ werden. Zusammenfassen lässt sich das alles so: Viel gewollt, aber nichts gekonnt.

Pro Contra
+ Riesige und schöne Spielwelt - Grafisch in der letzten Generation stecken geblieben
+ Story für Rennspiel-Verhältnisse in Ordnung - Schwache Texturen, riesige Pop-Ups und Kantenflimmern jenseits von Gut und Böse
+ Angenehmes Handling und Fahrphysik - Das Spielkonzept der Crews führt sich in der Kampagne selbst ad absurdum
+ Prinzipiell gelungene PvP-Umgebung - MMO-Teil wirkt wie erzwungener Aufsatz, um modern zu sein
+ Angemessenes Maß an Dynamik in der Welt - Fiese, übermächtige (Gummiband-)KI
- Dadurch frustige Einzelspielermissionsn
- Miese Kollisionsabfrage
- Zahlreiche Schwächen im Online-Lobbysystem
- Fahrtests in übertriebener Anzahl, aber mit zu wenig Abwechslung
- Viel zu viele (schlechte) Scripts, um der Welt Leben einzuhauchen
- Rück- und Außenspiegel der Fahrzeuge unbrauchbar


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Technik: 56

  • Grafik: 50
  • Sound: 70
  • Gameplay: 53
  • Umfang: 79
  • KI: 30

Spielspaß: 60

Einzelspieler:

  • Story: Im Grunde okay und ordentlich inszeniert. Ansonsten natürlich nicht sehr tief, sondern mit Schwarz-Weiß Schema und Ubisoft reizt sein Lieblingsmotiv „Rache“ ganz schön aus.
  • Wiederspielwert: Weitere Herausforderungen spielen oder einfach mal eine Runde drehen? Ja, gerne. Die Story nochmal spielen? Nein, danke!
  • Frustfaktor: Stellenweise sehr hoch, in erster Linie durch schreckliche Verfolgungsjagden, strohdoofe und unfaire Gummiband-KI sowie Ärgernisse in der Fahrphysik..
  • Design/Stil: Die große offene Welt ist teils wunderschön und die Stärke von The Crew. Doch was ist bitte mit der Grafik?
  • Musik/Sound: Die Motorensounds sind okay, die Musikuntermalung durch Radiosender wirkt nicht sehr vielfältig und für ein Rennspiel eher durchschnittlich.

Mehrspieler:

  • Matchmaking: Die Lobbysuche gestaltet sich teilweise schwierig und hat technische Mängel. Auf das Fahrerlevel wird nicht wirklich geachtet.
  • Motivation: Das Erarbeiten von Ruf für sich selbst und die Fraktion kann motivieren!
  • Stabilität: Das Lobbysystem krankt an vielen Mängeln und wirft teilweise ulkige Fehlermeldungen aus. Wir hatten häufig mit Schwierigkeiten und Lags zu kämpfen - Spieler aus aller Welt werden zusammengewürfelt.
  • Vielfalt: Team- oder Jeder-gegen-Jeden Rennen sind die einzige Abwechslung.


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