Ame no Marginal im Test - Philosophische Visual Novel auf Steam

Ihr seid euch nicht sicher, ob ihr euch ein bestimmtes Spiel kaufen wollt? Dann haben wir hier für euch Tests zu aktuellen Spielen.
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Ame no Marginal im Test - Philosophische Visual Novel auf Steam

Beitragvon Meykota » Mi 22. Jul 2015, 19:49

Das Leben ist nicht immer einfach, meist ist es böse und gemein und schlägt uns mitten in die Magengrube, wenn wir es am wenigsten brauchen. Doch manchmal hat das Leben auch eine oder zwei Überraschungen für uns bereit, die wir so nicht erwartet hätten. Und manchmel erkennen wir erst viel zu spät, dass der besagte Schlag in die Magengegend unsere Rettung hätte sein können. Wir haben einen Blick auf die philosophische Visual Novel Ame no Marginal - Marginal Rain geworfen und verraten euch in unserer Review, warum auch ihr einen Blick riskieren solltet.

Um unser Testsystem an Visual Novels anzupassen, haben wir einige Änderungen am Ende vorgenommen. Ab sofort wird dieses System auf alle Visual Novels Anwendung finden.

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Das Ende?

Ame no Marginal beschäftigt sich zu Beginn mit einem sehr wichtigen Thema der japanischen Kultur: Der Suizid, vor allem bei japanischen Arbeitnehmern, wird immer wieder mehr oder weniger thematisiert, da die Arbeitsverhältnisse in Japan zum Teil sehr streng und hart sind. Ein kleinstes Fehlverhalten kann einen Arbeitnehmer dabei nicht nur in Misskredit bei dem Unternehmen, sondern auch bei der eigenen Familie stürzen. Und genau mit so einer Entscheidung beginnt Ame no Marginal. Unser Protagonist fährt im Bürogebäude bis nach oben, überlegt es sich jedoch noch einmal anders. Am nächsten Tag allerdings stößt er im Fahrstuhl auf eine Etage, die es vorher noch nicht gab. Was ihn dort wohl erwartet?

Oben angekommen findet er sich in einer leeren Welt wieder, in der es dauerhaft regnet. Ist er hier allein? Die Antwort darauf gibt es wenig später, da er auf ein junges Mädchen in dieser tristen Welt stößt. Das Mädchen scheint schon viele Jahre allein in dieser Welt verbracht zu haben. Neben den Erlebnissen, die man in der aktuellen Zeit in der “Regenwelt” erlebt, wird auch die Geschichte des Mädchens erzählt - und die hat es ziemlich in sich. Es geht vor allem um Pflicht, Macht und Ansehen, aber auch um Segen und Glauben, denn das Mädchen ist schon viele, viele Jahre in dieser tristen Welt.

Ame no Marginal präsentiert dem Leser keinen einfachen Stoff. Es fordert zum Nachdenken, zum Staunen, zum Geschocktsein auf und ist dennoch so bezaubernd, dass man nicht genug davon bekommen kann. Es gibt Geschichten, die sind gefährlich, weil sie zum Nachdenken anregen und das Weltbild verändern könnten. Ame no Marginal ist genau eine solche Geschichte. Viele Aspekte sind nicht einfach zu schlucken, viele Erlebnisse nicht leicht zu verkraften und dennoch sollte man keinen Bogen darum machen. Gerade wer sich als Lesemuffel bezeichnet, könnte mit dieser Visual Novel einen guten Ersatz für ein Buch gefunden haben, das einem nicht nur eine simple Geschichte präsentiert.

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Philosophie für Steam

Visual Novels gibt es zwar viele, allerdings fehlt es ihnen manches Mal an der kleinen Brise Philosophie, die auch Büchern zu ihrem Erfolg verhilft. Ame no Marginal ist genauso philosophisch, wie wir es oben bereits beschrieben haben, bietet jedoch noch viel mehr, was zwischen den Zeilen steht. Denn die Frage bleibt offen: Ist diese triste, regnerische und einsame Welt nicht eine simple Darstellung unserer Welt, in der wir auch bei so vielen Dingen im Regen stehen und allein gelassen werden?

Spekulationen dahingehend gibt es viele, doch eine Antwort bleiben uns die Entwickler und Autoren schuldig. Und dennoch macht genau dieses Nachdenken neugierig auf mehr, aber kommen wir ein bisschen zu den “harten Fakten” zurück, die dieser Test trotz allem braucht, um als Test durchzugehen.

Ame no Marginal ist leider komplett auf Englisch gehalten, es ist zwar einfaches Englisch, aber ihr solltet der Sprache schon relativ mächtig sein, um zumindest die Kernaussagen verstehen zu können. Entscheidungsmöglichkeiten habt ihr ebenso keine, ihr könnt euch nur entscheiden, welche Geschichte ihr zuerst hören wollt, obwohl die Hauptgeschichte erst dann weitergeht, wenn ihr je beide Wege gegangen seid. Im Grunde habt ihr also schon einen Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte, zumindest deren Ablauf. Über das Menü könnt ihr zudem bestimmen, ob der Text automatisch laufen soll oder ob ihr immer wieder klicken wollt. Gleichermaßen könnt ihr auch skippen, wenn ihr bestimmte Teile bereits gesehen habt - oder ihr erzwingt einen Skip, dann wird automatisch bis zur nächsten Kapitelwahl gesprungen.

Wir empfehlen den automatischen Ablauf, da ihr euch so zurücklehnen, die Musik und die Geschichte genießen könnt, ohne von nervigem Klicken genervt zu werden. Die Geschwindigkeit beim Autoplay ist auch in Ordnung, sodass ihr ganz gut folgen können dürftet. Lediglich Englischanfänger sollten vielleicht nicht auf Autoplay zugreifen, da da vieles verloren gehen kann, was wichtig wäre. Wer jedoch auf das Menü zugreifen möchte und beispielsweise im Vollbildmodus spielt, muss mit der Maus erst an den oberen Bildschirmrand, damit sich das Menü wieder öffnet. Die Usability des Menüs ist dahingehend in Ordnung, da man auf Vieles Einfluss hat, wie beispielsweise auch die Fenstergröße.

Vom grafischen Stil hat Ame No Marginal einige interessante Charaktere und Zeichnungen in dieser tristen Welt zu bieten, denn trotz dauerhaftem Regen gesellen sich doch einen oder anderen schönen Momente dem Spiel hinzu. Weniger zufrieden waren wir übrigens mit der Synchronisation, die, wenn sie mal vorhanden ist, lediglich auf Japanisch erfolgt. Das ist ein wenig verwirrend, da der Protagonist selbst nicht spricht, das Mädchen, das wir treffen, allerdings plötzlich auf Japanisch spricht. Das ist verwirrend und hätte besser gelöst werden sollen: Entweder sprechen alle oder eben keiner.

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Was denn noch?

Im Titelmenü könnt ihr auf einen Punkt klicken, der “atogaki” heißt und dieser Punkt gewährt euch besondere Einblicke. Beispielsweise könnt ihr euch mit Kommentaren des Übersetzers von Sekai Project begnügen. Gleichzeitig werdet ihr aber auch Erklärungen zur Geschichte und zum Setting des Spiels selbst finden, bei dem beispielsweise auf die Light Novel Mizu no Marginal hingewiesen wird, die in derselben Welt spielt. Somit erhaltet ihr nicht nur die Visual Novel Ame no Marginal, sondern auch gleich noch einige Informationen zur Entwicklung selbst, was ziemlich cool ist, wie wir finden.

Fazit: Visual Novel zum Nachdenken

Ame no Marginal ist eine Visual Novel, die wirklich zum Nachdenken anregt und gewisse Dinge, die wir uns Menschen zum Teil selbst aufbürden, in den Vordergrund rückt. Vor allem ist Ame no Marginal denjenigen zu empfehlen, die auch mal ein bisschen über den Tellerrand schauen und nicht nur auf den Mainstream achten. Allerdings sollten die Leser dieser Visual Novel des Englischen ziemlich gut mächtig sein, um dauerhaft folgen zu können.

Ame no Marginal bietet euch all das, was einige andere Visual Novels nicht zu bieten haben, da man wirklich zum Nachdenken fast schon gezwungen wird, was in keinster Weise schlimm oder tragisch ist, denn manchmal sollten wir über uns und unsere Welt nachdenken, um uns selbst finden zu können. So trist und grau Ame no Marginal auch ist, so viel Herzblut steckt darin, so viel Zeitgeist und so viel Philosophie, das der eine oder andere Lesemuffel vielleicht mal zu einer solchen Geschichte animiert wird.

Pro Contra
+ Sehr interessante Geschichte - Leider nur auf Englisch
+ Philosophisches Setting - Japanische Synchronisation nur zum Teil und verwirrend
+ Thematisiert aktuelle Probleme - Keinen direkten Einfluss auf die Geschichte selbst
+ Sehr schöne und passende musikalische Untermalung
+ Recht angenehme Usability


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Technik: 74
Sound/Synchronisation: 50
Grafik (Charaktere, Hintergründe): 87
Umfang/Dauer/Vielfalt: 85
Usability: 76
Sprache: Englisch

Spielspaß: 83
Sprachvermögen: Das verwendete Englisch ist relativ einfach, jeder mit Schulenglisch sollte relativ sicher durch die Geschehnisse der Story kommen.
Entscheidungsfreiheit: Über den Verlauf der Story hat man keinen Einfluss, wohl aber auf die Abfolge der einzelnen Kapitel.
Erzählstil: Im Spiel gibt es zwei Erzähler, zum einen das allwissend zu scheinende Mädchen, das ihr eigene Geschichte erzählt, zum anderen den Protagonisten, der keinerlei Ahnung von irgendwas hat. Auf diese Weise erhält man einen ziemlich guten Einblick in das Innenleben beider Figuren. Außerdem kann man der Erzählen selbst ziemlich gut folgen, es gibt keine großartigen Sprünge oder Gedankenlücken.
Wiederspielwert: Der besteht leider nur bedingt, wenn man sich mal wieder in die philosophische Welt verlieben möchte, sollte man noch einmal einen Blick riskieren.

Information: Das Review Muster zu Ame no Marginal - Rain Marginal wurde von Sekai Project zur Verfügung gestellt.
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