80 Days (Steam) im Test - In 80 Tagen um die Steampunk-Welt

Ihr seid euch nicht sicher, ob ihr euch ein bestimmtes Spiel kaufen wollt? Dann haben wir hier für euch Tests zu aktuellen Spielen.
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80 Days (Steam) im Test - In 80 Tagen um die Steampunk-Welt

Beitragvon Meykota » Do 26. Nov 2015, 14:26

Jules Verne veröffentlichte im Jahr 1873 ein Buch, das ein scheinbar unmögliches Unterfangen vorstellte: Kann man in 80 Tagen einmal um die ganze Welt reisen? Heute sicherlich ziemlich einfach zu bewerkstelligen, doch damals war man nur auf sehr holprige Mittel angewiesen. Was passiert, wenn man nun diese Idee, die man in Reise in 80 Tagen um die Welt aufwirft, in ein Videospiel wirft? Das Entwicklerstudio Cape Guy Ltd. hat sich eben diese Frage gestellt und das Spiel 80 Days bei Steam veröffentlicht. Wir haben uns mit Freude auf diese literarische Videospielversion gestürzt und verraten euch in unserem Test, ob sich das Ganze lohnt.

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Ich erzähl dir eine Geschichte

80 Days ist in erster Linie eine Visual Novel, auf die ihr direkten Einfluss habt. Die Geschichte wird, wie auch das Buch, wird aus der Sicht von Passepartout, dem Angestellten von Phileas Fogg, erzählt. Sie beginnt genau an dem Morgen, nachdem Fogg mit einem seiner „Freunde“ gewettet hat, dass er es schaffen würde, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Passepartout steht der Sache etwas skeptisch gegenüber, folgt jedoch bedingungslos seinem Chef. Die Reise beginnt in London und führt gleich nach Paris. Von dort aus habt ihr dann die Wahl, wohin ihr reisen wollt. Zu jedem Ort, den ihr besuchen könnt, werdet ihr einige Informationen zu den einzelnen Städten erhalten. Zudem habt ihr die Gelegenheit, verschiedene Abenteuer in den Orten zu erleben und könnt so auf dem Markt herumwandern und andere Dinge erledigen, was euch gerade angeboten wird. Doch die Geschichten selbst werden immer nur als Text dargestellt, ihr werdet also keine Sequenzen sehen können.

Wie die Geschichte verläuft, liegt jedoch an euch. Wir sind beispielsweise im ersten Durchlauf ziemlich heftig gescheitert und waren am Ende am Nordpol. Von dort haben wir es leider nicht geschafft: 80 Days baut eine ziemlich gute Beziehung sowohl zu Fogg als auch zu Passepartout auf. Man fiebert mit, ob man es dieses Mal schafft. Man ist gespannt, was einen im nächsten Ort erwarten wird. Und wenn sich das Geld dem Ende neigt, fragt man sich, ob man es noch bis zur nächsten Bank schaffen kann.

Jede Reise, die ihr neu beginnt, beginnt gleich: Ihr reist von London nach Paris, doch ab da an bestimmt ihr grundlegend, wo es langgehet. Allerdings entscheidet ihr nicht nur, wohin ihr reist und wann, sondern auch wie die Reise verläuft. Auf jedem Streckenabschnitt erwarten euch verschiedene Situationen, bei denen eure Antworten entscheidend sein können. Gebt ihr beispielsweise die falsche Antwort, kann man euch als Spione verdächtigen und ihr werdet zurück nach Moskau geschickt. Auf diese Weise ist jede Reise anders und ungewiss, aber nicht nur auf den Reisen selbst werden eure Entscheidungen wichtig sein, auch in den Orten an sich, bei denen ihr im Laufe eurer Reise durchkommt. Auch dort gibt es häufig Situationen, in denen ihr entscheiden müsst, wie ihr euch verhalten wollt. Das kann dann zum Beispiel dazu führen, dass ihr verschiedene Dinge geschenkt bekommt, die ihr wiederum in anderen Orten verkaufen könnt.

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Die Atmosphäre macht’s

Im Grunde ist 80 Days nichts anderes als eine interaktive Nacherzählung des Romans von Jules Verne – so könnte man es ausdrücken, wenn man zu den Leuten gehören würde, die dem Spiel gegenüber abgeneigt sind. Die Grundidee von 80 Days basiert schon auf dem uralten Roman, allerdings seid ihr selbst die Autoren und entscheidet schließlich, wohin es geht, wie es dahin geht und was ihr dort anstellt. Was sich jedoch nach einer wirklich langweiligen Visual Novel mit Survival-Charakter anhört, ist genau genommen nichts anderes als eine Visual Novel mit Survival-Charakter. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass ihr eine wirklich enge Beziehung zu den beiden Protagonisten aufbaut und ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zeit. Ihr habt nur 80 Tage Zeit um einmal um die ganze Welt zu reisen. Glaubt uns, ihr werdet euch regelrecht in den Hintern beißen, wenn ihr beispielsweise plötzlich in der Karibik festhängt, weil euch ein verdammter Pirat ins Bein geschossen hat. Grund dafür? Tja, ihr habt eben die falsche Antwort zum falschen Zeitpunkt gegeben.

Zusätzlich gibt es noch zwei Mechanismen, die 80 Days immer wieder zu einer imposanten Spielerfahrung machen: Zum einen ist es der finanzielle Aspekt, zum anderen der gesundheitliche. Ihr habt zu Beginn nur einen gewissen Anteil an britischen Pfund bei euch. Das Geld ist jedoch wichtig: Ohne Geld könnt ihr nicht reisen, ohne Geld schafft ihr es nicht in 80 Tagen um die Welt. Doch keine Sorge, in den meisten Orten befinden sich Banken, die euch innerhalb weniger Tage Geld zur Verfügung stellen können. Aber bedenkt: Das Ganze kostet euch Tage, die wiederum eurer Reise fehlen könnten. Aufstocken könnt ihr euer Konto übrigens auch durch kleine Gefälligkeiten, die ihr in verschiedenen Hotels leisten könnt. Hier könnt ihr zum Beispiel beim Schuhputzen oder in der Küche helfen und euch so einen kleinen Obolus dazu verdienen. Der andere wichtige Punkt ist die Gesundheit von Fogg, die je nach euren Entscheidungen schlechter wird. Entscheidet ihr euch beispielsweise mit einer Kutsche zu reisen, so ist das unheimlich anstrengend für euren Meister und ihr müsst sehen, wie ihr ihn wieder glücklich machen könnt. Diese Punkte klingen auch auf dem Papier nicht gerade anspruchsvoll, aber im Spiel selbst werdet ihr euch ganz schön wundern, was das ausmachen kann.

Und genau in diesen Punkten liegt der ganze Reiz der Spiels. Es treibt einen an und wenn man wieder einmal nicht in der Zeit um die Erde gereist ist, probiert man es gleich nochmal. Es muss doch eine Möglichkeit geben, mit einer anderen Route komfortabler und schneller zu reisen – bis man dann plötzlich doch wieder am Nordpol landet oder im Gefängnis versauert oder mitten in einem Harem aufwacht. Es gibt viele Möglichkeiten, wohin euch 80 Days schicken kann, viele Geschichten warten auf euch, doch genauso viele Enttäuschungen stehen ebenfalls in den Startlöchern. Gesteuert wird 80 Days übrigens ganz normal mit der Maus, da ihr so lediglich Ziele aussuchen könnt und euch entscheidet, welche Antworten ihr gebt.

Übrigens: Wenn ihr 80 Days mit bestehender Internetverbindung spielt, wird euch auf der Weltkugel anzeigt, für welche Orte und Reisemöglichkeiten sich andere Spieler entschieden haben. So könnt ihr sehen, dass beispielsweise 10 Spieler per Auto gereist sind, während drei über dem Atlantik feststecken. Das ist unheimlich interessant, hat aber keinerlei Auswirkungen auf euer Spielerlebnis selbst. Es dient nur der Information. Noch ein Stück interessanter ist die Tatsache, dass eure Strecke aus der vorherigen Spielrunde auf der Weltkarte angezeigt wird, sodass ihr nicht zweimal die gleiche Route nehmt, die euch ohnehin nicht weitergeholfen hat.

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My Master?

Zur guten Atmosphäre, die schon allein durch die verschiedenen Spielmechanismen erzeugt wird, gesellt sich noch ein passabler Soundtrack, der nicht nur Melodien bietet, sondern auch passende Geräusche. Man fühlt sich tatsächlich so als wäre man auf einem Marktplatz in Frankreich oder irgendwo anders auf der Welt. Das ist richtig gut gelungen und passt sehr gut zu den einzelnen Situationen. Was auch sehr passend ist, aber deutsche Spieler wohl eher ins Straucheln bringen wird, ist die verwendete Sprache. Wer In 80 Tagen um die Welt schon einmal als deutschen Klassiker gelesen hat, wird sich an die hölzerne und störrische Sprache erinnern. Nun, genau diese Sprache wird auch in 80 Days verwendet, nur eben auf Englisch. Auf diese Weise ist es manchmal etwas schwierig den Erzählungen zu folgen und auch immer die richtigen Antworten zu finden. Hier sollte man sich also am besten neben dran ein Wörterbuch legen, um zumindest in manchen Situationen nicht den Überblick zu verlieren. Aber nach einigen Runden in 80 Days pendelt sich das Ganze schon ein wenig ein, man gewöhnt sich relativ schnell an die verwendete Sprache – nur an einigen Stellen könnten einigen Spielern die entsprechenden Vokabeln fehlen. Übrigens braucht ihr für eine Runde um die zwei Stunden, drei in etwa, wenn ihr es einmal um die Erde schafft. Aber auch die Zeit ist, wie gesagt, von euren Entscheidungen abhängig.

Fazit: Einmal um die Welt mit Mister Fogg

Wie lieben Klassiker. Wir lieben Visual Novels. Und wir lieben Spiele mit Anspruch, die einen vor das Spielgerät fesseln können, aber dennoch an kaum einer Ecke langweilig werden. 80 Days bietet alle drei Punkte zusammen: Es ist eine hervorragende Geschichte mit nur wenigen Schwächen, die euch fordern und an eure Grenzen bringen wird. Die euch zwingt, Beziehungen einzugehen, zu wirtschaften und doch irgendwie in einer vorbestimmten Zeit im Ziel anzukommen. 80 Days ist definitiv kein Spiel für zwischendurch und auch kein Spiel, das langweilig wird. Man muss nur ein wenig Verständnis für diese Art von Spiel mitbringen und sich auf bestimmte Dinge einlassen können. Mainstreamer blicken selbstverständlich ein wenig blöde aus der Wäsche, da 80 Days weitaus tiefer geht als irgendein Blockbuster und den Spieler zudem mehr fordert, schon allein wegen der verwendeten Sprache. Die Entwickler haben wirklich versucht, den Zahn der Zeit einzufangen und haben das Ganze mit ein bisschen Steampunk gemischt. Wir können 80 Days jedem Spieler wärmstens ans Herz legen, der sich gern mal nach einer Abwechslung am Spielemarkt sehnt.

Pro Contra
+ Verspielung eines Klassikers - Sprache nicht immer verständlich
+ Hohe Entscheidungsfreiheit - Sprachausgabe fehlt
+ Gelungener Soundtrack - Sehr viel zu lesen
+ Innovative Umsetzung
+ Mitdenken und überlegen lauten die Devisen


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Technik: 82
  • Grafik: 85
  • Sound: 83
  • Umfang: 93
  • Gameplay: 80
  • KI: 70

Spielspaß: 82
  • Story: Die Verspielung eines literarischen Klassikers ist eine hervorragende Idee. Und da man auch noch selbst einen ziemlich großen Einfluss auf alles hat, ist das gleich noch ein ganzes Stück besser. Hervorragend.
  • Frustfaktor: Frust entsteht, wenn man nicht genau weiß, warum gerade was passiert ist. Das liegt fast immer an der altmodischen Sprache, die zwar passend zur Zeit ist, aber für nicht Muttersprachler doch sehr kritisch ist.
  • Wiederspielwert: Es gibt viele Möglichkeiten, die Welt zu bereisen und viel mehr Möglichkeiten, um Entscheidungen zu treffen. Der Wiederspielwert ist ziemlich hoch und zwar nicht nur dann, wenn man 100 % erreichen möchte.
  • Design/Stil: 80 Days ist eine Visual Novel im Steampunkstil und das zeigt sich auch in den einzelnen Orten und Reisemöglichkeiten.
  • Musik: Die verwendete Musik und die entsprechenden Klänge untermalen jede Situation äußerst passend. Das gefällt uns gut. Eine Sprachausgabe gibt es allerdings nicht.
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