Tales of Zestiria (PS4) im Test – Ein junger Hirte, eine große Aufgabe

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In Japan erschien Tales of Zestiria zunächst nur für die PS3, doch uns Europäern machte Bandai Namco eine Freude und brachte das Spiel nicht nur direkt für PS4, sondern gleich auch noch auf Steam heraus. Wir sind in diesem Fall jedoch der Konsole treu geblieben und haben in den letzten Wochen die PS4-Fassung intensiv getestet. Ob uns der PS4-Einstand der JRPG-Reihe gefällt, verrät der Test.

Junger Hirte mit großem Auftrag

Wir hatten voll Vorfreude Tales of Zestiria zu unserem Most Wanted Spiel im Oktober 2015 gekürt, da wir tolle Figuren und eine gute Story erwartet haben. Kurz und knapp: Wir wurden nicht enttäuscht. Zunächst ist die Geschichte von Tales of Zestiria eine waschechte Coming of Age Geschichte. Der junge Sorey, der als einziger Mensch in einer Gesellschaft von Seraph lebt, wird zum Hirten erkürt und muss die Bedrohung, die über seiner Welt liegt, beseitigen.

Während das Ganze in den ersten paar Stunden noch nicht so richtig zieht, erzählt Tales of Zestiria auf Dauer eine vielschichtige Story mit vielen kleinen Geschichten, die thematisch äußerst vielfältig sind. Möglich wird das vor allem wieder durch die tollen Figuren, wobei ausgerechnet Sorey selbst in den ersten Spielstunden ein wenig zu platt dargestellt wird.

Zum Glück legt sich das, und auf Dauer schafft Tales of Zestiria eine herrliche Kombination aus Ernsthaftigkeit und Witz und Humor. Einerseits transportiert die japanische Produktion nicht den ganzen gekünstelten Ernst, den westliche Entwickler häufig ausdrücken wollen, ist aber genau dadurch viel ernster zu nehmen als andere Titel. Die Anzahl an Figuren bleibt recht gut überschaubar, bietet aber dennoch genügend Abwechslung, neue Bekanntschaften und wiederkehrende Figuren.

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Sory wird erwachsen… Und muss die Welt retten

Anspruch, Anspruch, Anspruch

Spielerisch lädt Tales of Zestiria schon früh dazu ein, zu erkunden und herumzuexperimentieren. So richtig belohnt wird das zunächst nicht. Viele Mechaniken will einem das Spiel dann doch erklären – Leider nach wie vor in hässlichen Textwänden, die einem teilweise nicht so richtig weiterhelfen oder deplatziert sind. So manches erklärt uns Tales of Zestiria erst dann, wenn wir schon ganz alleine auf den richtigen Trichter gekommen sind oder sogar storybedingt bereits mit dem entsprechenden Spielelement konfrontiert wurden. Dafür transportieren die Tutoriumstexte dann aber zu wenig „Herzlichen Glückwunsch, du bist alleine darauf gekommen!“, sondern nehmen sich etwas zu ernst.

Hin und wieder ist man dagegen durchaus dankbar für die Hinweise, doch in erster Linie macht es einen Haufen Spaß, die zahlreichen Mechaniken in Tales of Zestiria selbst auszukundschaften. Das Spiel setzt auf jede Menge verschiedener Systeme, die allesamt anspruchsvoll sind, teilweise gar eine Wissenschaft für sich, wobei es die Entwickler trotz allem hinbekommen haben, dass alle Elemente perfekt harmonieren und zusammenarbeiten. Tales of Zestiria wirkt wie aus einem Guss, mit dem Eindruck, es mit einem zusammengestückelten Gesamtwerk zu tun zu haben, muss man sich hier nicht plagen.

Eine große Stärke von Tales of Zestiria ist zunächst das Kampfsystem – Hiermit muss man sich zwangsläufig auseinandersetzen, auch wenn es durchaus möglich ist, die Kämpfe vollautomatisch ablaufen zu lassen. Die Kämpfe laufen wie gewohnt in Echtzeit ab, wobei ihr die Kontrolle über eine Figur eurer Wahl aus dem aktuellen Team übernehmt. Wie bereits in den vorherigen Serienablegern ist wieder die Zusammenarbeit zwischen den Figuren möglich, jedoch nur zwischen Mensch und Seraph. Mit welchem Seraph ihr zusammenarbeitet, solltet ihr nicht nur von persönlicher Präferenz, sondern auch von den Elementschwächen eurer Gegner abhängig machen. Bereits früh im Spiel ist es möglich, zu „armatisieren“, wobei die menschliche Figur den Armatus des Seraph annimmt. Diese Fusion ist deutlich stärker als die beiden Einzelnen und insbesondere bei Ausnutzung von Schwächen des Gegners unheimlich stark.

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Die Tutorials sind verbesserungswürdig.

Auch sonst bietet das Kampfsystem viele Finessen, um Gegnern möglichst effizient den Garaus zu machen. Die Verwaltung und der Einsatz der eigenen Artes, von denen es verschiedene Typen gibt, spielt eine entscheidende Rolle, wobei man auch mit zufällig ausgeführten Artes ganz gut fährt. Tales of Zestiria verfolgt das Prinzip, dass der, der sich wirklich aufs Spiel einlässt und alle Mechaniken nutzt, auch belohnt wird, nämlich durch höhere Ränge und mehr Belohnungen.

Auch mit weniger Eifer kann man durchs Spiel kommen – Wird vor allem dann aber durch den mitunter stark schwankenden Schwierigkeitsgrad geplagt, den JRPG-Fans selbstverständlich kennen. Auch in Tales of Zestiria ist es so, dass es auf eine lange Strecke billiger Kämpfe plötzlich ein unglaublich fieser Kampf folgt. Zum Glück gibt es in den meisten Gebieten genügend Speicherpunkte. Zur Not muss man sein Team eben noch ein wenig trainieren, um besser zu werden, was in Tales of Zestiria mitunter ziemlich zeitaufwändig ist. Am Kampfsystem nervt sonst nur die teilweise katastrophale Kameraführung, die vor allem dann ihre richtig fiese Seite zeigt, wenn man sich in engen Gebieten oder nahe an Hindernissen aufhält. Das kommt öfter vor, da es in Tales of Zestiria keine extra Kampfarenen gibt, sondern die Kämpfe genau an dem Ort stattfinden, an dem man gerade steht. Hier leistet sich die KI manchmal auch kleine Schwächen und läuft beispielsweise einfach sinnlos dauerhaft gegen Wände.

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Das Kampfsystem hat viele Stärken, aber auch Schwächen.

Komplexe Spielelemente

Wer sich tiefer auf Tales of Zestiria einlässt und auf höheren Schwierigkeitsgraden spielen will, der wird mit noch mehr Feinheiten des Spielsystems konfrontiert. Beispielsweise die richtige Ausrüstung der Figuren ist ein ganz eigenes Kapitel für sich. Auch hier kann man Erfolg haben, ohne auf irgendetwas zu achten, doch wer Eigenschaften und Boni der Ausrüstung sinnvoll kombiniert, kann mächtige Kombinationen und sogar Bonusfertigkeiten freischalten.

Ansonsten kann man sich auch mit der Vergabe seiner durch Weltaktivitäten gesammelten Aktionspunkte selbst weiterhelfen, da man hier das Kampfsystem beeinflussen kann. Da ist es möglich, beispielsweise automatisches Ausweichen zu aktivieren, bestimmte Kombomöglichkeiten zu eröffnen oder gar waschechte Hilfestellungen zu aktivieren. Ein Aktionspunkte-Bonus halbiert beispielsweise sämtlichen Schaden, den man erleidet. Dadurch sinkt aber auch der erreichte Rang in den Kämpfen beträchtlich.

Nie aus den Augen verlieren sollte man in Tales of Zestiria auch die Chance auf Nebenaufträge. Während auf der Karte zumeist eine Hilfestellung zum nächsten Hauptauftrag angezeigt wird, kann man die Nebenaktivitäten schnell aus den Augen verlieren. Wo ihr aktuell steht, erfahrt ihr immer mit einem Gespräch mit eurem menschlichen Begleiter. Und da ist man dann doch auch mal erstaunt, was sich so alles ansammelt. In den Gesprächen gibt es einige Hilfestellungen, dennoch ist es gut, sich noch an Einzelheiten der Geschichte zu erinnern, um zum richtigen Ort zu gehen oder zu reisen. Zur Not kann man die bisherigen Ereignisse in der integrierten Enzyklopädie auch nochmal nachlesen. Dennoch sollte man Tales of Zestiria einigermaßen aufmerksam spielen, wenn man nicht sogar zum Notizblock greift! Vor allem, da das Spiel äußerst umfangreich ist, ist das für vergessliche Zeitgenossen gar keine schlechte Lösung, zumal es auch Dinge gibt, die von keiner Merkhilfe im Spiel erfasst werden, wie zum Beispiel in der Welt verteilte Elitegegner.

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Wie gewohnt gibt es auch Plaudereien zwischen den Figuren, die mal witzig, mal ernst sind.

Schwache Technik

Technisch hat uns Tales of Zestiria auf der PS4 ziemlich enttäuscht. Im direkten Vergleich mit den PS3-Vorgängern der Xillia-Reihe zieht Zestiria insgesamt sogar den Kürzeren. Das liegt nicht nur daran, dass Texturen, Kantenflimmern und die Gefahr von Pop-Ups keinesfalls PS4-würdig sind, sondern dass es einigen Gebieten im Spiel auch an Detailreichtum mangelt. Weitläufige Gebiete hin und oder her, stellenweise hätten wir uns mehr Liebe zum Detail gewünscht.

Insbesondere im späteren Verlauf kämpft Tales of Zestiria ab und zu zudem mit kleineren Framerateproblemen. Diese fallen zwar nicht allzu stark ins Gewicht, sind aber insbesondere durch die unterdurchschnittliche Grafik sehr ärgerlich. Viel Liebe in die PS4-Portierung hat man also nicht gesteckt. Im Grunde geht Tales of Zestiria so nicht mal als aufgehübschtes PS3-Spiel durch. Das lenkt nicht davon ab, dass die Filmsequenzen dennoch beeindruckend sind und auch das Figuren- und Monsterdesign überaus gelungen ist. Wenigstens stilistisch kann uns Tales of Zestiria also überzeugen.

Ebenfalls tolle Arbeit hat man natürlich beim Soundtrack geleistet – Die Musikuntermalung ist episch und die englische Vertonung überzeugt ebenfalls. Auch bei den deutschen Untertiteln wurde größtenteils gute Arbeit geleistet. Wer möchte, darf auch die japanische Tonspur aktivieren. Alles drin also.

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Einigen Gebieten mangelt es an Details – Und die Technik enttäuscht.

Fazit: Ein solider Einstand

Tales of Zestiria ist ein solider erster Vertreter der Reihe auf der PS4 geworden – Das liegt aber in erster Linie daran, dass die vielen Spielmechaniken großartig und anspruchsvoll sind und so gut ineinander verzahnt wurden. Zudem überzeugt die vielschichtige Geschichte und die tollen Figuren, die insgesamt viel Witz, aber auch genügend Ernsthaftigkeit ermöglichen. Technisch dagegen enttäuscht Tales of Zestiriaauf der PS4 und auch einige weitere Dinge dürften gerne weiterentwickelt werden, wie beispielsweise die nicht mehr zeitgemäßen und manchmal unbrauchbaren Tutorials. Auch am Detailreichtum und der Glaubwürdigkeit der Spielwelt darf man zum nächsten Mal gerne feilen. Ansonsten ist Tales of Zestiria ein unheimlich umfangreiches JRPG, das vor allem die diejenigen belohnt, die sich ganz aufs Spiel einlassen, alle Elemente analysieren und mit ihnen experimentieren. Durch Hilfestellungen und niedrige Schwierigkeitsgrade ist Tales of Zestiria sogar für Einsteiger geeignet, durch die komplexen Systeme und zahlreiche Mechanismen aber auch für Profis das richtige Futter.

Pro Contra
+ Tolle Figuren – Grafisch enttäuschend
+ Spannende und vielfältige Geschichte – Teils detailarme Spielwelt
+ Epischer Soundtrack & gute englische Synchronisierung – Kamera im Kampf manchmal unbrauchbar
+ Sehr gelungenes Kampfsystem – Tutorials in Form von Textwänden, manchmal deplatziert
+ Viele anspruchsvolle Aspekte (Ausrüstungssystem, Charakterentwicklung) – Schwierigkeitsgrad teils arg schwankend
+ Alle Aspekte greifen nahtlos ineinander
+ Großer Umfang, viele Nebenaktivitäten
+ Wer sich intensiv mit dem Spiel beschäftigt, merkt die Auswirkungen

Technik: 82

  • Grafik: 53
  • Sound: 95
  • Umfang: 100
  • Gameplay: 85
  • KI: 79

Spielspaß: 83

Singleplayer:

  • Story: Eine insgesamt spannende und vielschichtige Geschichte, die von ihren tollen Figuren lebt und hin und wieder kleine Längen hat.
  • Frustfaktor: Dieser ist vorhanden, da der Schwierigkeitsgrad mitunter stark schwanken kann, wie es für das Genre üblich ist. Zudem nervt manchmal die Kamera im Kampf und die KI leistet sich kleine Schwächen.
  • Wiederspielwert: Unheimlich hoch – Tales of Zestiria ist nicht nur unheimlich umfangreich, sondern belohnt auch diejenigen, die sich bis ins letzte Detail mit dem Spiel auseinandersetzen.
  • Design/Stil: Nicht schlecht, aber manchen Dingen fehlt es an Details, zudem enttäuscht die Technik.
  • Musik: Die Musik ist episch, die englische Synchronisierung sehr gut gelungen.

Informationen zum Testgerät
Plattform: PlayStation 4 500GB
Hardware: Standard, ohne ausgetauschte Hardware
Alter des Geräts zum Testzeitpunkt: 1 Jahr, 11 Monate (PS4 Launchkonsole)

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Manuel Eichhorn
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