Never Alone (PS4) im Test – Technische Mängel im Schneegestöber

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Gerade kleine Entwickler versuchen derzeit nicht nur mit innovativen Elementen ihren Spielen etwas Besonders zu verleihen, sondern setzen oft auch auf große Gefühle, die vermittelt und empfunden werden sollen. Wenn dann auch noch eine tiefe Freundschaft und echte kulturelle Einflüsse vertreten sind, kann man in der Regel von einem guten Spiel ausgehen. Auch der kleine Titel Never Alone ist ein solches Spiel, das uns eine tiefe Geschichte und noch mehr zeigt. Aber ob dies tatsächlich ausreicht, verraten wir euch im Test zur PlayStation 4 Fassung.

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Von Ureihnwohnern und Füchsen

Never Alone erzählt eine Geschichte des indigenen Volkes der Iñupiat, die im äußersten Nordwesten des Nordamerikanischen Kontinents angesiedelt sind. Die Geschichte erzählt von einer Zeit des Hungers, da die Winter härter und die Nahrung knapper wurden. Doch ein tapferes Mädchen namens Nuna machte sich inmitten eines Schneesturms auf, nach Nahrung jagen zu gehen. Auf ihrer Reise wird sie jedoch von einem hungrigen Eisbären verfolgt, doch ein Polarfuchs kommt ihr zur Hilfe und von da an sind beide unzertrennlich und müssen einen langen, beschwerlichen und gefährlichen Weg gehen.

Die Geschichte von Never Alone ist sehr schön erzählt und wird im Prinzip nebenbei erzählt, während man sich als Nuna oder Fuchs seinen Weg sucht. Und ganz nebenbei erfährt man dann auch noch einige kulturelle Hintergründe der Iñupiat, was wirklich eine erfrischende Abwechslung ist. Leider hat es technisch einige Macken aufzuweisen, auch vom Spielerischen her. Zudem kommt eine recht kurze Spielzeit von etwa zwei bis drei Stunden hinzu, in denen man in der Regel alle sammelbaren Dinge findet. Schade.

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Eine der zu häufigen Verfolgungsjagden

Bockige Geister und andere Mängel

So schön und interessant die Geschichte von Never Alone auch ist, so sehr merkt man dem Titel an, dass der nötige Feinschliff gefehlt hat. Ziemlich oft reagiert die KI gar nicht, sodass man immer wieder mit Nuna oder Fuchs so lange hin und her laufen muss, bis das nötige Script ausgelöst wird. Das ist ärgerlich und hätte nicht sein müssen. Gerade wenn es darum geht, dass die andere Figur irgendwo hochsoll, wird es fast zum Krampf. Dafür kann man zwischen den beiden Figuren immer hin und her wechseln und muss dann selbst dafür sorgen, dass die Figur das macht, was sie auch machen soll. An solchen Dingen merkt man sehr stark, dass Never Alone eigentlich nur für den 2-Spieler-Coop ausgelegt ist, was wiederum sehr nervig für Einzelspieler ist.

Doch nicht nur dort greifen die Schwächen der KI, sondern auch dann, wenn man mit dem Fuchs verschiedene Geister rufen soll, denn nicht immer erscheinen diese oder verhalten sich gänzlich anders als sie es eigentlich sollen. Das trübt so dermaßen den Spielspaß und sind Mängel, die wirklich nicht hätten sein sollen. Zudem passierte es uns auch mehrfach, dass wir mit Nuna auf einen Geist springen wollten, aber dann mitten in der Luft feststeckten. Erst nach einigen Sekunden löste sich die Figur dann wieder, sodass wir es nochmal versuchen konnten.

Zu dem allen kommt eine recht bockige Kamera hinzu, auf die man selbst keinen Einfluss hat und die sich aus irgendeinem Grund häufig auf Nuna richtet. Spielt man als Fuchs gibt es immer wieder Momente, in denen man bereits aus dem Blickfeld der Kamera gelaufen ist und warten muss, bis Nuna hinterherkommt. Das ist vor allem bei den vielen Jump ‘n’ Run Einlagen sehr schlecht gewählt, da wir so schon oft als Fuchs in den Tod gesprungen sind.

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Einfache Rätsel, kurze Spielzeit

Wir erwähnten bereits, dass Never Alone über eine knappe Spielzeit von zwei bis drei Stunden verfügt. Das wäre an sich nicht schlimm, wenn man noch einmal einen Grund hätte, um ins Spiel zurückzukehren. Trophäen gibt es im Übrigen dafür, die Story abzuschließen und alle kulturellen Hinweise der Iñupiat zu finden. Diese liegen meistens auf dem Weg oder sind nicht mit allzu schwierigen Rätseln verbunden, sodass man in der Regel alle Hinweise in einem einzigen Durchlauf finden müsste. Zudem kommt hinzu, dass die einzelnen Abschnitte auch nicht wirklich groß sind und einem die Hinweise fast schon mit dem nackten Hintern ins Gesicht springen.

Aber nicht nur, dass die Gebiete oft nicht groß sind, das wäre an sich ja nicht dramatisch. Aber Never Alone ist sehr linear und vorhersehbar. Zudem wird man oft von irgendwas oder irgendwem verfolgt, sodass man nicht mal die Zeit hat, sich wirklich umzuschauen, was man wiederum auch nicht wirklich muss, da eben fast alles auf dem Weg liegt. Und wenn man etwas nicht auf dem Weg liegt, gibt es häufig zwei Wege: Der eine führt die Story weiter, am Ende vom anderen gibt es einen Hinweis. Ob sich dafür dann 14,99 € lohnen, ist etwas fraglich.

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Dies ist eine Hinweiseule. Ist gar nicht so schwer, daran zu kommen.

Willst du mich verarschen?? Oder: Der hohe Frustfaktor

Auch wenn die Rätsel in Never Alone in der Regel relativ einfach sind und kaum Zeit des Nachdenkens bedarf, so sind die einzelnen Jump ‘n’ Run Einlagen manchmal so bockig, dass man sich einfach nur fragt, was das soll. Gerade gegen Ende hin sind einige dieser Abschnitte absolut nicht einsehbar, dass man erst mal schön nach dem Trial & Error Prinzip das Zeitliche segnet. Doch hier sorgen nicht nur seltsame Gameplayentscheidungen für einen enorm hohen Frustfaktor, sondern auch die unheimlich schlechte Technik. Besonders am Ende, wenn man den Ursprung des Schneesturms gefunden hat, möchte man am liebsten in den Controller beißen: Da reagiert Nuna nicht auf die Eingaben, springt nicht rechtzeitig ab oder die tödlichen Elemente haben plötzlich so einen großen Radius, dass man sich nur noch nach dem “Warum” fragt. Zudem kommt hinzu, dass uns Nuna jetzt schon ein paar Mal in irgendwelche Abgründe stürzte, hängen blieb oder plötzlich hinter dem Spielfeld verschwunden ist. Gab es keine Tester, die auf solche Dinge achten konnten während der Entwicklung? So etwas treibt den Frustfaktor unnötig in die Höhe und sorgt für einen verdammt niedrigen Spielspaß! Das muss heutzutage nicht mehr sein!

Süßer Fuchs, nettes Design

Die Geschichte von Never Alone wird durch einen Iñupiat erzählt, der in seiner Muttersprache spricht. Aber keine Sorge, es gibt entsprechende Untertitel, sogar auf Deutsch. Zudem ist das Design der beiden Hauptfiguren sehr gut gelungen, gerade der kleine Polarfuchs ist unheimlich niedlich, auch wenn er später in der Geschichte etwas an Charme verliert. Dennoch ist das Gesamtdesign recht gut gewählt und auch der Soundtrack ist ganz in Ordnung. Leider können all diese Elemente nicht sonderlich gut von technischen Fehlentscheidungen und Fehlern ablenken.

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Also, wenn man die Technik ignoriert…

… hat man ein ganz gutes Spiel, das an einigen Stellen fordert, aber sonst mit einer netten Spielzeit von etwa zwei bis drei Stunden daherkommt. Never Alone bietet eine Geschichte über eine tiefe Freundschaft und die Kultur der Iñupiat, leidet jedoch unter einer verdammt schlechten Technik, die den Frustfaktor unnötig in die Höhe treiben. Da wird nicht auf Eingaben reagiert, die Figur steckt mitten in der Spielwelt fest oder verschwindet einfach ganz. Das muss nicht sein und hätten Spieletester im Vorfeld erkennen müssen. Leider kann die herzergreifende und kulturelle Geschichte nicht sonderlich gegen miese Technik bestehen, was sehr schade ist. Potential ist definitiv vorhanden, nur der sehr tiefgehende Feinschliff fehlt eindeutig. Never Alone spielt sich an einigen Stellen, vor allem technisch, eher wie ein Early Access, denn ein “Vollpreistitel”. Ob man knappe 15€ dafür zahlen soll, ist fraglich.

 Pro Contra
 + Sehr interessante Geschichte – Äußerst unpräzise Steuerung
 + Kulturelle Einblicke in das Leben der Iñupiat – Sehr kurz und sehr geringer Wiederspielwert
 + Niedliches Design von Fuchs und Nuna – Reaktion auf Eingabe mangelhaft
 + Toller Coop-Modus – KI nicht sehr ausgereift: Scripts lösen nicht aus, Reaktionen erfolgen nicht
 + Geschichte wird in der Sprache der Iñupiat erzählt – Figuren stecken mitten in der Spielwelt fest oder verschwinden ganz
 + Deutsche Untertitel – Sehr hoher Frustfaktor
   – Miese Kameraeinsicht
   – Einige Gebiete laufen nach Trial & Error ab
   – Seltsame Leveldesignentscheidungen
   – Leider merkt man vielen Stellen an, dass es nur für den Coop ausgelegt ist

Technik: 48

  • Grafik: 70
  • Sound: 75
  • Umfang: 40
  • Gameplay: 37
  • KI: 20

Spielspaß: 62

  • Story: Never Alone bietet eine sehr interessante Story zwischen Freundschaft und Kultur. Schade, dass die Technik da einen saftigen Strich durch die Rechnung macht.
  • Frustfaktor: Wenn diese verfluchte Technik nicht wäre, gäbe es auch keinen Frustfaktor!
  • Wiederspielwert: Da man im ersten Durchlauf so gut wie alles auf dem Weg findet, wird man es trotz der sehr kurzen Spielzeit wohl nicht nochmal einlegen. Das schafft selbst die Story nicht.
  • Design/Stil: Man orientiert sich an der Eislandschaft und den Zeichnungen der Iñupiat.
  • Musik: Ein schlichter Soundtrack, der ganz gut zur Story passt.

Informationen zum Testgerät
Plattform: PlayStation 4
Version: Standard
Hardware: Standard, ohne ausgetauschte Hardware
Alter des Geräts zum Testzeitpunkt: 7 Monate

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Beatrice Vogt
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