Valiant Hearts: The Great War (PS4) im Test – Das andere Kriegsspiel

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100 Jahre – Ein tolles Jubiläum. Nicht aber in diesem Jahr: 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Wir alle kennen diverse Seiten dieses Ereignisses, das nur allzu oft in Schulunterricht, Film und Literatur behandelt wird. Ubisoft wagt nun eine weitere Annäherung an das Thema, aber keineswegs in Form eines Weltkriegs-Shooters, sondern mit einem Adventure namens Valiant Hearts: The Great War, das persönliche Schicksale mehrerer (fiktiver) Personen in den Mittelpunkt rückt. Ein emotionales Abenteuer?

Geschichten hinter dem Krieg

Valiant Hearts macht ab der ersten Minute deutlich, dass es euch nicht in die Rolle eines schießwütigen Soldaten schlüpfen lässt und eine Story ausbreitet, in denen Emotionen allenfalls gekünstelt wiedergegeben werden. Stattdessen werden gleich fünf Protagonisten geboten, deren Geschichten den ganzen ersten Weltkrieg (und natürlich davor sowie danach) miteinander verwoben sind. Es beginnt alles mit der Trennung einer Familie: Während ein junger Familienvater von der deutschen Armee eingezogen wird und die Mutter zurücklasst, wird auch noch deren Vater zum Kriegsantritt auf französischer Seite verpflichtet.

Spielen dürft ihr im Laufe des Abenteuers mit vier Figuren: Karl, der junge Vater, Emile, dessen Schwiegervater, einen amerikanischen Legionär und auch noch Anna, eine junge Sanitäterin aus Paris. Ubisoft hat es hierbei wunderbar vollbracht, eine Brücke zwischen bloßen ¨Typen¨ und echten ¨Charakteren¨ zu schaffen, denn obwohl man die Geschichte der Protagonisten detailliert mit Zwischensequenzen als auch Tagebucheinträgen sehr sehr persönlich nachvollziehen kann, haben die Entwickler auf genaue Gesichtszüge der Figuren verzichtet, sodass man sich nicht zu sehr versteift und auch eine gewisse Allgemeingültigkeit in Bezug auf Kriegsschicksale vermittelt wird. Zur Seite steht euch ein treuer Vierbeiner, mit dem ihr hin und wieder zusamenarbeiten müsst.

Ebenso interessant, wenn nicht sogar noch spannender als die Geschichte der Spielfiguren, sind die eingebetteten historischen Fakten, die es Ubisoft-typisch in großer Zahl gibt. Hier werden nicht nur der Verlauf des Krieges beleuchtet, sondern auch interessante – und gleichwohl erschreckende – Fakten über das ¨Leben¨ an der Front kommuniziert, die man nie und nimmer im Geschichtsunterricht erfahren würde: Wusstet ihr zum Beispiel, dass man uringetränkte Stofffetzen verwendete, um sich vor den ersten Chlorgasangriffen zu schützen?

Ein großes Lob an Ubisoft: Valiant Hearts: The Great War vermittelt den ersten Weltkrieg auf eine emotionale, erzählerisch sehr gelungene und insgesamt sehr intelligente Weise. So spielen auch die zahlreichen Sammelobjekte eine sinnige Rolle, den man findet nicht irgendetwas, sondern Objekte aus der Zeit, für die auch immer eine kleine Erklärung verfügbar ist.

Bild

Ein Spiel im Krieg

Im Erzählen von Geschichten und dem Verschmelzen fiktiver und nicht-fiktiver Elemente ist Valiant Hearts: The Great War also wirklich stark. Vom Gameplay her erwartet euch gleichzeitig sehr solide Adventure-Kost: Wir freuen uns, dass die Rätsel jederzeit nachvollziehbar und sinnvoll sind. In erster Linie müsst ihr meistens herausfinden, in welcher Reihenfolge ihr Dinge erledigen müsst. Und dann gibt es natürlich auch noch einige Knobelaufgaben, wie zum Beispiel das richtige Platzieren von Zahnrädern an einer Maschine oder den richtigen Wurfwinkel für eine Granate zu finden, damit ein Mechanismus ausgelöst wird.

Auf ein richtiges Kampfsystem verzichtet Valiant Hearts: The Great War, jedoch gibt es hin und wieder Schleichpassagen, in denen ihr die Gegner von hinten ausschalten könnt (oder sie nur mit eurem Hund ablenken könnt). Bosskämpfe gibt es zudem auch, so holt ihr aber beispielsweise auch einen Zeppelin vom Himmel, indem ihr die richtigen Mechanismen auslöst und Dynamit an die richtige Stelle werft. Hin und wieder hätten einige Elemente ruhig noch weiter ausgebaut werden können, denn insbesondere in der zweiten Spielhälfte wirken einige Passagen fast zu einfach. Ebenso sind einige Elemente nicht wirklich innovativ bzw. werden ein wenig zu sehr überstrapaziert, so zum Beispiel Taxifahrten, während denen ihr Zielen ausweichen müsst.

Auch optisch bzw. technisch musste Ubisoft natürlich die Schrecken des Krieges einfangen. Man wagte ich an Valiant Hearts: The Great War mit dem Ubi Art Framework heran, das u.a. bisher bei Rayman Origins und Legends sowie bei Child of Light zum Einsatz kam. Kurzum: Wir wünschen uns mehr davon! Die Level sind allesamt wunderschön gestaltet und bieten wundervolle Panoramen, die aber immer vom Krieg gezeichnet sind. Auf der PlayStation 4 trübte nur ein teils verschwommenes bzw. unscharfes Bild bei Bewegungen und damit zusätzlich einhergehendes Kantenflimmern den sehr guten Gesamteindruck. Ebenso kommt es teilweise zu ärgerlichen Grafikfehlern mit den Nebenfiguren, wie zum Beispiel mit unserem Hund, der plötzlich herumruckelt oder kurzzeitig einfach verschwindet.

Rein von der Atmosphäre her kann man Valiant Hearts: The Great War bloß noch ankreiden, dass hin und wieder das Gefühl von Gefahr, wie man es eigentlich im Krieg ja ständig erwartet, etwas zu kurz kommt, da Elemente wie Bomben- oder Grasangriffe immer gescriptet, relativ vorhersehbar und auch recht schnell vorbei sind. Zwischenzeitlich ist es dann fast schon ¨zu ruhig¨. Aber dann gewinnt eben wieder die schöne Gesamtatmosphäre des Spieles, die auch durch den gelungenen, aber auch bedrückenden Soundtrack unterstützt wird, der zwar sparsam, aber an den richtigen Stellen eingesetzt wird.

Bester Geschichtsunterricht

Valiant Hearts: The Great War schafft es auf (nicht nur optisch) wunderschöne Weise, wahre Kriegsgeschichte mit fiktiver Spielstory, erfundene Figuren mit echten Schicksalen zu verknüpfen. Ubisoft erteilt mit seinem Spiel allen Publishern eine Abfuhr, die noch immer auf öde Kriegsballereien setzen. Valiant Hearts fesselt und berührt, und nur an einigen Stellen würden wir uns komplexeres oder weniger abgenutztes Gameplay wünschen. Als Adventure macht Valiant Hearts: The Great War mit angenehmen Rätseln und der Zusammenarbeit mit dem Vierbeiner eine hervorragende Figur, die Actioneinlagen bleiben eher im Mittelmaß.
Auch wer bisher mit dem Genre nicht so viel anfangen konnte, sollte einen Blick riskieren, und noch viel besser: Selbst Geschichtshasser kommen voll auf ihre Kosten. Euch ist Schulunterricht in Erinnerung, in denen zum x-ten Mal das gleiche Abkommen XY durchgekaut wurde? Valiant Hearts: The Great War ist die spannendste Unterrichtseinheit zum ersten Weltkrieg, die man sich denken kann, und endlich gibt es mal ein Spiel, das sogar seine Sammelobjekte hier sinnvoll einbezieht!

Pro:
+ Interessante Geschichte rund um fünf Figuren
+ Kluge Vermischung aus ¨Typen¨ und ¨Charakteren¨
+ Zahlreiche historische Fakten zum Verlauf des ersten Weltkriegs
+ Auch solche Informationen, die man in keinem ¨normalen¨ Geschichtsunterricht erhält
+ Optisch teils wunderschön
+ Gut gestaltete Level
+ Sinnvolle, spaßige und angenehme Rätsel
+ Gelungener und bedrückender Soundtrack, der an den richtigen Stellen eingesetzt wird

Contra:

– Gelegentliche Grafikfehler trüben den Gesamteindruck
– Einige Gameplayelemente (z.B. Taxifahrten) sind etwas überstrapaziert und wenig innovativ
– Hin und wieder könnte es mehr Tiefe/Komplexität im Gameplay geben
– Kriegsgefahren sind großteils lediglich gescriptet und kaum überraschend
– Teils merkwürdig unscharfes/verschwommenes Bild inklusive Kantenflimmern

Technik: 82

  • Grafik: 81
  • Sound: 86
  • Umfang: 84
  • Gameplay: 77

Spielspaß: 78

  • Story: Faszinierende Kombination auf fiktivem Teil rund um die fünf Figuren und historischem Part, der mit jede Menge interessanten Fakten rund um die Kriegsgeschichte gespickt ist.
  • Frustfaktor: Kaum vorhanden. Wirklich scheitern werdet ihr nur selten.
  • Grafik/Stil: Das Ubi Art Framework sorgt für einen wunderschönen visuellen Eindruck und die Panoramen an den Kriegsschauplätzen sind beeindruckend. Der Gesamteindruck wird hin und wieder durch verschwommene Elemente sowie Grafikfehlern bei den Figuren beeinträchtigt.
  • Wiederspielwert: Von der Story her eher gering, da es keine Entscheidungen/Wendungen gibt – Lediglich verbleibende Sammelobjekte können noch motivieren, dann kann man jedoch jedes Level einzeln spielen.

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Manuel Eichhorn
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