Sam, die GDs und ich – Eine Geschichte übers Liefern

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Je weiter ich laufe, desto dunkler wird der Himmel am Horizont. Erste Regentropfen landen auf dem Boden, die Kapuze zieht sich automatisch über meinen Kopf. Hinter mir höre ich das leise Klackern der Lastenschweber, während mein Blick zum umgedrehten Regenbogen schweift. Das wird nicht gut ausgehen – aber eher für die GD, nicht für mich. Denn ich bin vorbereitet.

Langsam folge ich meinem Weg, ziehe eine Blutgranate und verlasse mich vollends auf den Sensor und meine eigene Wahrnehmung. Ich bewege mich vorsichtig weiter, achte auf jedes kleine Geräusch und dann höre ich es: Der leise Warnton meines Sensors kündigt einen GD an, der in der Nähe ist. Ich sehe ihn noch nicht, bleibe stehen, halte den Atem an und lasse meinen Blick über die Landschaft schweifen. Und dann, in einigen Hundert Metern Entfernung, sehe ich eine schwarze Silhouette, die schemenhaft im Regen tanzt. Noch bin ich zu weit entfernt.

Vorsichtig bewege ich mich weiter, die Blutgranate gezückt, bleibe wieder stehen. Der Schemen wird etwas sichtbarer, ist aber noch nicht in Reichweite. Ich schiebe mich weiter, bleibe erneut stehen und ziele. Dieses Mal bin ich nah genug dran, aber nicht zu nah, um vom GD gesehen zu werden. Die Blutgranate sirrt durch die Luft, trifft ihr Ziel und ich beobachte, wie der GD in einer rot-schwarzen Schemenwolke in die Luft steigt. Mein Name ist Sam Porter Bridges, und ich bin ein Bote, mit dem sich GDs lieber nicht anlegen sollten.

Meine Schwäche fürs Liefern

Die beschriebene Szene spielte sich gestern genauso ab, als ich in Death Stranding auf dem Weg zu einem Prepper war, um gewünschte Ware zu ihrem Ziel zu bringen. Seit ich im Spiel die Blutgranaten erhalten habe, habe ich keine Angst mehr vor den GDs – den Gestrandeten Dingen, die der Gestrandete Tod mit sich brachte.

Ende September erscheint ein Director’s Cut für Death Stranding, der den Titel auch richtig auf die PlayStation 5 bringt, worauf ich mich sehr freue und weswegen ich nun Sam wieder täglich davon überzeuge, dass er Kilometer um Kilometer mit mir durch ein zerstörtes Amerika wandert. Unsere Aufgabe dabei ist klar: Wir liefern Pakete aus. Das sind manchmal kleinere Dinge, manchmal auch größere Ladungen, für die ich meine beiden Lastenschweber benötige. Doch genau diese Kilometer sind es, die mich entspannen lassen. Ich habe bei den meisten Aufträgen keinen Zeitdruck – und selbst wenn ich mal ein Paket mit einer festgesetzten Zeit zustellen soll, dann ist das immer machbar.

Ich liebe es, mit Sam durch die Gegend zu streifen. Wir gehen meistens zu Fuß, da ich mit den Fahrzeugen im Spiel nicht zurechtkomme – außerdem müllen schon andere Spielende das zerstörte Amerika mit ihren zurückgelassenen Fahrzeugen zu, da muss ich das nicht auch noch machen. Aber die Fußwege sind ziemlich gut: Je öfter ich eine Strecke laufe, desto mehr entsteht ein Trampelpfad, über manche Teile kann ich auch die Autobahn nutzen, die ich selbst wieder aufgebaut habe. Eine tolle Mischung.

Meistens verliere ich mich in Death Stranding, weil ich dann hier noch verlorene Pakete finde oder da noch einen anderen Lieferauftrag annehme. Mit der Story soll ich gerade irgendeine Leiche irgendwohin bringen, aber die ganzen anderen Sendungen müssen doch auch noch zugestellt werden! Das ist viel wichtiger, als eine nutzlose Leiche zu transportieren. Mittlerweile bin ich fast schon wieder süchtig nach Death Stranding geworden, weil es einfach mein aktueller Ruhepol ist – und nervige Elemente wie die GDs kann ich einfach mit meiner Blutgranate ausschalten.

Ich vermisse einen Co-Op

Death Stranding arbeitet mit einem sogenannten Shared-Worlds-Multiplayer. Das bedeutet, dass ich auf keine anderen Spielenden treffen kann, dafür jedoch ihre Bauwerke und Fahrzeuge finde. Das kann ganz praktisch sein, vor allem, wenn sie mitgedacht haben und Brücken auch wirklich sinnvoll angebracht sind. Manchmal ist das nicht ganz so praktisch, gerade dann, wenn Gebiete vollgebaut sind mit Leitern, Brücken und irgendwelchem anderen Kram – oder eben mit Fahrzeugen, die überall herumstehen.

Dennoch finde ich es auf der einen Seite gut, auf der anderen Seite vermisse ich jedoch einfach die Möglichkeiten, mit anderen durch das zerstörte Amerika zu reisen. Immer mal trifft man auf NPC Boten, die im Übrigen auch nicht alleine unterwegs sind, sondern stets zu zweit oder zu dritt. Diesen Luxus habe ich nicht und manchmal wünsche ich es mir. Dann könnte ich zusammen mit Manu durch die Schneelandschaft laufen und er könnte am eigenen Leib erfahren, warum Sam manchmal irgendwo runterfällt und das BB dann weint. Das macht mein Sam nämlich seit einigen Stunden und ich kann’s nicht ganz nachvollziehen, weil ich immer vorsichtig laufe.

Immerhin kann man wohl im Director’s Cut auf der PS5 dann auch mit Bots durch die Gegend laufen, das ist immerhin schon mal was und macht sicherlich auch Spaß. Andererseits würde ein richtiger Co-Op-Modus die Idee, dass Sam einer der wenigen letzten Boten ist, kaputt machen. Dennoch gibt es eben auch die Boten-NPC, die in Gruppen herumlaufen und auch Sam heißen… Ist klar, worauf ich hinaus möchte?

Ich wünsche mir mehr solche Spiele

Jetzt, wo ich wieder Stunde um Stunde in Death Stranding verbringe, fällt mir auf, was mir so gut am Spiel gefällt: Das entspannte Liefern und der Nervenkitzel, die GDs zu umgehen, bzw. sie direkt in Luft auflösen zu lassen. Manchmal fehlt mir in einfachen Spielen der Sinn: Ich folge schlichten Quests oder bewirte eine Farm. So was gefällt mir manchmal zwar auch, aber meistens fehlt mir da der Antrieb, das wirklich lange zu spielen. In Death Stranding ist das jedoch anders, denn ich habe die Freiheit zu entscheiden, ob ich beispielsweise kämpfe oder nicht. Ich kann auch Umwege in Kauf nehmen, um auf diese Weise Gefahrensituationen außerhalb der Story zu umgehen. In vielen anderen Spielen habe ich diese Freiheit nicht.

Ähnlich ging es mir auch in The Pathless, das an sich ein ruhiges Spiel ist, jedoch durch die verunreinigen Gottheiten einen gewissen Gefahrenaspekt hatte und mir lag es frei, ob ich mich direkt in die Gefahr begebe oder nicht. Dieser leichte, optionale Nervenkitzel macht für mich ein an sich entspannendes Spiel auch wirklich zu einem entspannenden Spiel. Das Gefühl, das ich die Gefahr beseitig habe und nun NPC-Boten und ich ganz bequem durchs Land streifen können, macht für mich etwas Besonderes aus. Ich fühle mich nützlich. Ich fühle mich nicht wie ein generischer Held oder eine generische Heldin, dier die gleichen Quests wie alle anderen macht und sich dabei auch noch super besonders fühlen soll.

Genau das macht für mich in Death Stranding den Reiz aus. Das macht es für mich zu einem vollkommen besonderen Spielerlebnis, das nicht für jeden geeignet ist, denn nicht jeder verbringt hunderte Stunden allein damit, Pakete durch eine trostlose Landschaft zu tragen. Aber ich schon.

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Beatrice Vogt
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