Lost Words: Beyond the Page (Stadia) im Test – Vom Schreiben und Erleben

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Mit Lost Words: Beyond the Page liefert Sketchbook Games aus Essex sein Debüt. Für alle Plattformen und ursprünglich schon für Ende letzten Jahres angekündigt, hat sich das Spiel zu einem zeitexklusiven Titel für Google Stadia entwickelt. Auf den anderen Plattformen soll Lost Words: Beyond the Page erst im Jahr 2021 erscheinen. Ob Google mit diesem Titel ein gutes Gespür hatte, verrät euch unsere Review zum Spiel.

Das Leben einer Kreativen…

Wie gut lassen sich Realität und die Geschichten in unserem Kopf voneinander trennen? Bedingen sie sich nicht immer einander? Irgendwie ja – die meisten Autoren werden da (vermute ich) zustimmen. Doch das Leben einer kreativen Person ist manchmal kompliziert, das bringt auch Lost Words: Beyond the Page gut zum Ausdruck.

Wir schlüpfen in die Rolle eines Mädchens, das Ambitionen zur Schriftstellerin hat. Einige Aspekte ihrer Geschichte dürfen wir mit prägen, wir wählen den Namen und die Lieblingsfarbe der Protagonistin und treffen noch einige weitere Entscheidungen. Wir erfahren in Lost Words: Beyond the Page, wie eine Geschichte entsteht – oder wie der Prozess zum Stehen kommt.

Doch das liegt daran, dass sich die junge Protagonistin noch einer ganz anderen Herausforderung gegenübersieht: Sie muss mit dem Verlust einer geliebten Person klar kommen. Sie denkt zunächst, etwas zu retten zu können, doch aus der Hoffnung wird Schock, danach folgt Verzweiflung … und so weiter.

Natürlich sind die Geschichten miteinander verknüpft. Lost Words: Beyond the Page macht das ganz großartig und stellt den kreativen Prozess gut dar. Es geht in der Fantasygeschichte der Protagonistin nicht auch um Trauer, sondern um ein Dorf, das vor einer Bedrohung gerettet werden muss. Eine ganz gewöhnliche Fantasygeschichte also, scheinbar zumindest, denn dahinter sind die beiden Ebenen gut miteinander verknüpft.

Die Phasen der Trauer werden gekonnt dargestellt.

… kreativ erzählt

Doch nicht nur die Geschichte(n), die Lost Words: Beyond the Page erzählt sind gut und nachvollziehbar, sondern ebenso kreativ ist seine Art der Darstellung. Das Gameplay wird zu keiner Zeit wirklich komplex, es gibt nur eine Stelle, die so in etwa als Rätsel durchgeht, ansonsten bleibt es eher seicht, aber umso erfrischender.

Die Ausflüge in die Fantasywelt Estoria werden als klassischer 2D Platformer dargestellt, nur dass unsere Hauptfigur keine traditionellen Waffen hat oder überhaupt wirklich kämpft – ihre Werkzeuge sind Worte, mit denen sie mit der Spielwelt interagieren kann. Diese möglichen Interaktionen sind eng begrenzt und immer vorgegeben – tatsächlich kann man sagen, dass Überraschungen in der Spielwelt eine Seltenheit sind, doch die braucht Lost Words: Beyond the Page gar nicht, da es sich auf seine Erzählung konzentriert, die mit dem frischen Gameplay gut untermalt wird.

Außerhalb des Schreibens uns außerhalb der Fantasywelt bewegen wir uns im Notizbuch der Protagonistin fort – hier ist die Visualisierung noch viel liebevoller und detailreicher als in Estoria, obwohl auch die Fantasywelt mit einer großen Vielfalt und Abwechslung der Gebiete (trotz teilweise vorkommenden Recyclings) überzeugt. Es ist nahezu schade, dass viele der wunderschön gezeichneten Seiten nach wenigen Sekunden doch wieder vom Bildschirm verschwinden. Auch im Notizbuch darf man Wörter schieben, puzzlen und aufdecken – mitunter ist das sogar komplexer als die Abenteuer in Estoria, obwohl wir dort eigentlich einem großen Drachen gegenüberstehen. Wirklich knifflig wird’s auch hier nicht, doch manchmal braucht man einen Moment, bis man alle Details der Seite entdeckt und aufgedeckt hat.

Das Notizbuch ist nicht nur wunderschön, sondern das Hüpfen, Puzzeln und Aufdecken macht auch Spaß.

Auch die besten Autoren machen Fehler

Lost Words: Beyond the Page zeigt auch eindrucksvoll, wie wichtig es ist, dass ein guter Lektor die Geschichte liest, doch das macht es leider nicht mit Absicht. Die Texte des Spieles sind ins Deutsche übersetzt, doch hier haben sich einige ärgerliche Fehler eingeschlichen. Ausgerechnet die Lebensweisheiten der geliebten Person wurden Wort für Wort vom Englischen ins Deutsche übersetzt, und so puzzelt man an mehreren Stellen im Spiel völligen Nonsense zusammen, so was wie: “Vor der immer ist es dunkelsten am Dämmerung.” Muss so was wirklich sein?

Generell ist Lost Words: Beyond the Page ganz grundsätzlich kein technischer Blockbuster, was es auch gar nicht sein will oder muss, doch sind technische Macken im Spiel sehr ärgerlich. Gerade weil sich die Entwickler freuen, dass man bei Stadia dank der großen Serverpower wenig optimieren muss, ist es ärgerlich, dass Lost Words: Beyond the Page immer wieder ruckelt und es auch spielerisch noch am Feinschliff fehlt: Die Steuerung ist dauerhaft eher unpräzise, und vor allem in der letzten Spielstunde gibt es immer wieder Probleme mit den Animationen der Figur, hier und da hakt sie sich fest oder wir können uns an bestimmten Stellen einfach mal nicht bewegen. Im Notizbuch fällt auf, dass bei der deutschen Übersetzung offenbar teilweise unterschiedliche Wortlängen nicht richtig beachtet wurden: So ist es teils schwierig, auf andere Ebenen zu gelangen oder man fällt direkt durch die Worte hindurch.

Lost Words: Beyond the Page bietet eine meisterhafte Erzählung und eine völlig ausreichende, aber irgendwo doch überschaubare Spielzeit mit ca. fünf bis sieben Stunden – der technische Feinschliff kam aber leider dennoch offensichtlich zu kurz, was ich ziemlich schade finde. Vor allem von einem plattformexklusiven Titel erwarte ich dahingehend mehr, vor allem, wenn Google solche Titel ja nicht zuletzt nutzen möchte, um die Vorteile seiner Plattform zu zeigen.

Die möglichen Interaktionen in Estoria sind überschaubar.

Jede Erzählung kommt zu einem Ende

Lost Words: Beyond the Page bietet nach dem ersten Durchgang das Potential, noch alle Sammelobjekte einzusammeln – es handelt sich hierbei um die Glühwürmchen, die das Dorf in Estoria retten werden. Findige Spieler werden mit einer vollständigen Erinnerung und einer Errungenschaft belohnt.

Viel Potential, Lost Words: Beyond the Page noch einmal zu spielen, gibt es ansonsten nicht – zumindest rein spielerisch. Dafür, die Geschichte noch einmal zu erleben, bietet sich das Spiel auf jeden Fall an, zumal man noch die anderen Teile in die Geschichte einfließen lassen kann. Große Unterschiede wird man nicht feststellen – doch vor allem Autoren wissen ja, dass ein einzelnes Wort schon einen Unterschied machen kann.

Bei den Sätzen zum Zusammenbasteln entsteht üblicherweise Quatsch – so wie hier. Und das bei den wichtigsten Sätzen im Spiel!

Fazit: Meisterhaft erzählt mit Fehlern im Satzbau

Lost Words: Beyond the Page ist inhaltlich, erzählerisch und spielerisch eine willkommen erfrischende Erfahrung. Es erzählt auf sehr kreative Art von der Trauer, vom Leben und vom kreativen Erleben einer jungen Protagonistin, und verknüpft dabei sehr gelungen die realen Ereignisse des Mädchens mit der Fantasywelt, die sie zu schreiben versucht. Visuell ist Lost Words: Beyond the Page dabei ein Genuss, und vor allem das Notizbuch, durch das wir gekonnt springen und puzzeln, möchten wir gern in echt haben. Technisch allerdings verbergen sich viele Fehler nicht nur im Detail: In die deutsche Übersetzung haben sich ein paar ärgerliche Fehler eingeschlichen und durch holprige Stabilität und eine teils ungenaue Steuerung wirkt es nicht so, als sei die Optimierung von Spielen für Stadia ein Klacks. Dabei sind die auftretenden Fehler nicht nur ärgerlich, sondern Google sollte ja auch Einiges daran liegen, mit zeitexklusiven Titeln wie Lost Words: Beyond the Page von seiner Plattform zu überzeugen. Einen tollen Titel hat man an Bord geholt, mehr Zeit für Feinschliff hätte aber noch sein sollen.

ProContra
+ Meisterhafte Erzählung– Ärgerliche Fehler in der deutschen Übersetzung
+ Gute Verknüpfung zweier Geschichten– Mechanische Mängel: Unpräzise Steuerung
+ Kreative Inszenierung– Im Notizbuch offenbar dt. Wortlängen nicht immer bedacht
+ Unkompliziertes, frisches Gameplay– Stabilität holprig
+ Gute Darstellung kreativer Prozesse

Technik: 78
Grafik: 79
Sound: 81
Umfang: 80
Gameplay: 78
KI: 73

Spielspaß: 80

  • Story: Lost Words: Beyond the Page erzählt auf kreative Weise gleich zwei Geschichten, die gut miteinander verknüpft sind.
  • Frustfaktor: Kaum vorhanden, allerdings stören teils die technischen Macken und die ungenaue Steuerung.
  • Nachhaltigkeitswert: Lost Words: Beyond the Page erzählt meisterhaft und dazu auch noch eine gute Geschichte. Ich möchte, dass es den Leuten in Erinnerung bleibt – davor sollte es noch mehr Feinschliff bekommen und die breite Masse erreichen, was es 2021 mit dem Release auf den anderen Konsolen tut.
  • Design/Stil: Einfach toll und abwechslungsreich, nur in Estoria gibt es hier und da Recycling.
  • Musik und Sound: Die Soundkulisse passt gut, auffällig ist nur, dass im Spiel alles viel leiser ist, obwohl die Einstellungen im Menü was anderes suggerieren.
  • Preis-Leistungs-Verhältnis: Lost Words: Beyond the Page ist seine 14,99€ wert.

Offenlegung

Wir haben einen Reviewkey zu Lost Words: Beyond the Page von Modus Games erhalten.

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Manuel Eichhorn
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