Mount & Blade: Warband (Xbox One) im Test – Mittelalter ohne Drachen, ohne Magie, ohne goldene Pfade

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“Ich helfe Euch, wenn Ihr mit helft – Und jetzt lauft dem goldenen Pfad nach und gewinnt!” Eventuell ist das etwas überspitzt, doch so präsentiert sich das Gros der aktuellen Rollenspiele auf Konsolen, mögen sie auch mit einer riesigen Open-World und einer effektgeladenen Grafik überzeugen. TaleWorlds Entertainment hatte mit Mount & Blade schon seit der Geburt der Reihe 2008 etwas anderes im Sinn. Dabei geht es nicht nur darum, dass der Anspruch durchaus größer ist, sondern vor allem: Eine vorgeschriebene Story gibt es nicht. Der Spieler soll die Geschicke der eigenen Spielfigur ebenso lenken können wie die der ganzen Welt. Während Mount & Blade II Bannerlord für PC in den Startlöchern steht, kommt die Reihe mit dem 2010 für PC erschienenen Ableger Warband nun erstmals auf Konsolen. Wir haben uns die Xbox One Fassung angesehen.

Realismus, Purismus, Variation

„Ist das hier so wie Kingdom Come Deliverance…?“, könnte sich der eine oder andere Konsolenspieler durchaus fragen, der sich nicht mit den PC-RPGs der letzten Jahre beschäftigt hat. Tatsächlich weist Mount & Blade Warband natürlich ein Merkmal auf, das das noch nicht erschienene Kingdom Come bisher als Alleinstellungsmerkmal auf Konsolen auswies. Keine Fantasy, keine Drachen, keine Dungeons! Hier geht es um echtes Mittelalter, echte Politik, und echte Schlachten.

Euer Held Mount & Blade Warband kann keine Feuerbälle werfen und sich auch nicht teleportieren, stattdessen kann er mit einer Vielzahl von Nah- und Fernwaffen umgehen, weitere Soldaten um sich scharen und Beziehungen zu Herrschern pflegen oder sie zerstören, um schließlich selbst Herrscher über die Welt Caladria zu werden. Ob ihr solche Interessen überhaupt verfolgt, bleibt aber euch überlassen: Ebenso könnt ihr euch ausschließlich auf den Warentransport zwischen den Gemeinden konzentrieren, um so eure Brötchen zu verdienen und schließlich Produktionsstätten errichten, die weiteren Gewinn abwerfen… Oder ihr erledigt Aufträge für die kleinen Dörfer, indem ihr ihnen beispielsweise bei Bedrohungen aushelft. Oder ihr nehmt sie schamlos aus. Auch wenn man erstaunlich oft Banditen oder Plünderer rund um Dörfer beseitigen muss, so überzeugt Mount & Blade Warband mit einer riesigen Vielfalt möglicher Aufgaben, von solchen kleinen Dingen bis hin zum Inszenieren von riesigen Plots, die ganze Königreiche zu Fall bringen können.

Ein kleines bisschen könnt ihr eure Geschichte bereits am Anfang in eine Richtung bewegen. Die Charaktererstellung erfolgt zunächst über mehrere Entscheidungen, mit denen ihr eure Herkunft festlegt. War der Vater beispielsweise Jäger, erhaltet ihr direkt von Anfang an einen Bonus auf euren Umgang mit Fernwaffen und so weiter. Während der Charaktererstellung könnt ihr darüber hinaus noch selbst Punkte auf die zahlreichen Attribute verteilen. Später im Spiel steigern sich die Werte entweder automatisch, zum Beispiel durch den Einsatz der entsprechenden Waffen, oder aber durch das Lesen von Büchern, die man für viel Geld beim Händler kaufen kann.

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Die Präsentation von Menüs und Dialogen ist für Konsolenverhältnisse altbacken und ungewohnt, sie lassen sich aber trotzdem gut bedienen!

Einzelgänger oder geselliger Kämpfer

In Mount & Blade Warband sollte man nicht versuchen, es allen recht zu machen. Dafür ist das Spiel aber auch schlichtweg zu groß, sodass man es gar nicht kann. Überhaupt muss man in vielen Situationen abwägen, ob man sich schnell auf jedes Bündnis einlässt. Entscheidungen trifft man hier im Kleinen wie im Großen: Wen nimmt man am besten mit in seine Gruppe auf? In den Dörfern und Städten begegnen einem viele traurige Seelen, die nach Gesellschaft suchen. Doch möglicherweise sind sie im Kampf nicht besonders erfahren, ebenso wie alle anderen eurer Soldaten werden sie jedoch jede Woche Nahrung verbrauchen und ein gewisses Gehalt fordern.

Mit je mehr Personen man anbandelt, desto schneller verärgert man natürlich auch jemanden: Einzelne Begleiter, wenn es sich nicht gerade um Soldaten oder Söldner handelt, reagieren natürlich empfindlich, wenn ihr beispielsweise ein Dorf überfallt, nur um euch Gewinn zu verschaffen. Ebenso reagiert Gefolge aus einem bestimmten Königreich in der Welt nicht erfreut, wenn ihr später einen Konflikt mit eben diesem Königreich vom Zaun brecht. Mount & Blade Warband stellt die Welt als solche mit einer Oberkarte dar, über die ihr beinahe wie in einem Strategiespiel aus der Vogelperspektive navigiert und das Spielerlebnis auch anhalten könnt, um beispielsweise andere Bewegungen zu beobachten. Ebenso erhaltet ihr hier Infos über die Orte: Zugehörigkeit, Bevölkerung, Herrscher, und so weiter. Nur wenn ihr euch bewegt, vergeht auch Zeit, was meist für die Questerledigung relevant ist, da diese in einer bestimmten Anzahl von Tagen erledigt werden müssen. In die 3D-Ansicht, in der zwischen First-Person und Third-Person manuell umgeschaltet werden kann, schaltet Mount & Blade Warband nur in den Schlachten bzw. bei der Erkundung der einzelnen Schauplätze wie Dörfern oder Burgen.

Das gespannte Verhältnis zwischen den verschiedenen Königreichen ist ein wesentlicher Aspekt von Mount & Blade Warband, denn hier zeigen sich die vielen Einflussmöglichkeiten, die ihr habt. Ohne weitere könnt ihr Quests annehmen, die sich widersprechen: Der eine Lord möchte Frieden, der andere möchte Krieg – Und ihr stimmt zu, für beide Seiten zu vermitteln. Das kann natürlich nicht funktionieren – Oder doch? In Mount & Blade Warband gilt: Jemanden zu verärgern und Krieg zu verursachen, geht fast immer. Frieden zu stiften ist dagegen mit guten Beziehungen und/oder viel Geld verbunden. Und das habt ihr eventuell nicht.

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Ausrüstung, Bücher: Der Luxus des Mittelalters – Und große Gefahren

Mount & Blade Warband ist eines der wenigen Rollenspiele, welchem es gelingt, ein gutes Gefühl furs Geld zu vermitteln. Denn die Dinare sind teilweise schneller aus, als einem lieb ist, und wenn ihr nur eine Viehherde auf dem Weg zur nächsten Stadt verliert und einige Tausend Dinare als Entschädigung zahlen sollt, euch der erfolgreiche Transport aber nur mit einer Handvoll Dinare entlohnt worden wäre…

Neue Ausrüstung und Bücher sind teuer, und auch wenn viele Quests sehr gut entlohnt werden, so muss man auch an die wöchentlichen Ausgaben für den eigenen Trupp denken. Bei erster Gelegenheit kann man für ein (mehr oder weniger) sicheres Einkommen dann beispielsweise in die Produktion einsteigen. Auch hier muss man sich in Mount & Blade Warband den richtigen Standort heraussuchen, denn zum Beispiel eine Bäckerei läuft nur gut, wenn reichlich Weizen vorhanden ist und dieses billig ist, Brot dagegen knapp ist. Diese Verhältnisse können sich auch schnell ändern, sodass Rohstoff- und Unterhaltskosten für die Bäckerei am Ende größer sind als die Einnahmen durch das Brot. Abgerechnet wird das jede Woche automatisch.

Erstaunlich viel und sicheres Geld kann man immer wieder mit dem Handel machen. Stark vereinfacht wird das, wenn ihr selbst oder mindestens ein Gruppenmitglied die Fertigkeit „Handel“ besitzt, denn dann könnt ihr die Preise auf dem Markt beobachten und erhaltet automatisch eine genaue Analyse der Möglichkeiten. Kauft ihr Ware XY hier und verkauft sie in B, dann macht ihr XX Dinare Gewinn. Praktisch!

Eine absolute Sicherheit hat man in Mount & Blade Warband aber übrigens fast nie: Wenn es dumm läuft, könnt ihr alles verlieren. Im allerschlimmsten Fall ist das Spiel tatsächlich vorbei, doch ihr endet mit größerer Wahrscheinlichkeit als Gefangener und kommt nach einiger Zeit wieder frei, wodurch das Spiel de facto auch vorbei ist. Zieht ihr alleine ohne Pferd und ohne Ausrüstung durch die Lande, nachdem ihr aus der Gefangenschaft entkommen seid, ist es verdammt schwer, wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Um dem vorzubeugen, solltet ihr bei euren Interaktionen und Angriffen nicht zu leichtsinnig sein…

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Trotz der angestaubten Technik ist Warband zu stimmungsvolle Schauplätzen in der Lage.

Technisch anno 2010

Mount & Blade Warband ist in dieser Form auf Konsolen tatsächlich einzigartig. Das realistische Rollenspiel mit größtmöglicher spielerischer Freiheit hat auf dem PC eine große Community um sich geschart und dieses Potential ist auf Konsolen sicherlich auch vorhanden. Den Port der PC-Version hat TaleWorlds Entertainment selbst übernommen und somit möglicherweise auch für die Zukunft geübt. Direkt den momentan noch in der Entwicklung steckenden zweiten Teil Bannerlord auf die Konsolen zu bringen, dürfte wohl ein zu großes Vorhaben gewesen sein und dürfte sich auch nicht gelohnt haben, auch wenn man sich damit eventuell den (noch) größeren Gefallen getan hätte.

Aller spielerischen und inhaltlichen Qualitäten zum Trotz kann Mount & Blade Warband sein Alter nicht abstreiten. Und obwohl auch die Übertragung der Steuerung auf die Konsole eigentlich nicht zu beanstanden ist, fühlt sich die Handhabung insgesamt doch recht altbacken und mitunter vor allem zu lahm und steif an. Insbesondere zu Fuß fühlt sich die Fortbewegung teilweise unnötig langsam an.

Die Kämpfe, die einen großen Anspruch auf Authentizität und Anspruch legen, können dieses Vorhaben auch tatsächlich erfüllen: Hier gibt es kein Anvisieren von Gegnern, sondern beim Angriffen wie auch beim Blocken muss man die Richtung sinnvoll bestimmten. Erstaunlicherweise geht das insgesamt gut von der Hand, lässt aber trotzdem etwas Präzision vermissen. Vor allem vom Pferd herab verfällt man beim Einsatz des Schwertes viel zu schnell in reines Buttonsmashing, weil das letztendlich zum gleichen Effekt führt wie das gezieltere Platzieren von Angriffen. Die Fernwaffen leiden leider stellenweise darunter, dass die Anzeige, die als Zielhilfe dienen könnte, sich allzu oft aufhängt und somit gar keinen Nutzen hat.

Zur Grafik gilt grundsätzlich, dass Mount & Blade Warband noch nie ein Vorzeigespiel war, betrachtet man nur die Optik. An vielen Stellen fühlt man sich, auch von den steifen Bewegungen der Figuren her, eher in die vorletzte Konsolengeneration zurückversetzt. Für die Konsolenversionen haben die Entwickler jedoch einige Texturen überarbeitet, sodass sich insbesondere die Städte teilweise ganz hübsch ansehen lassen und mit ihrer Gestaltung überzeugen, auch wenn sie nicht besonders groß sind. Das lenkt nicht davon ab, dass es insbesondere beim Scrollen über die Weltkarte aber zu Rucklern kommt und auch sonst die Bildrate nicht immer hundertprozentig stabil ist. Davon abgesehen nerven einige zu kleine Schriften und diverse Einblendungen, die sich gegenseitig überlappen – So etwas hätte man vermeiden müssen!

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Die Schlachten sind realistisch, von der Handhabung her aber ziemlich steif.

Fazit: Große Chancen, kleine Tücken

Mount & Blade Warband kannte ich vom PC, bin aber nie so richtig eingestiegen. Ich muss sagen, dass mich die Konsolenversion überrascht hat. Hinsichtlich der Bedienung ist die Übertragung gut gelungen und ganz zweifellos ist das Spiel in dieser Form momentan einzigartig auf PS4 und Xbox One. Die vielen Möglichkeiten, seine eigene Geschichte zu schreiben und die vielen Möglichkeiten, die einem dazu zur Verfügung stehen sowie die große Vielfalt laden zum stundenlangen Verweilen in Caladria ein.

Sein Alter kann Mount & Blade Warband aber nicht gut verstecken: Dass das Spiel kein Grafikwunder war und ist, ist im Laufe der Spielstunden egal. Negativ fallen zunächst einige der allzu steifen oder merkwürdigen NPC-Reaktionen auf, doch auch die lassen sich bald ignorieren. Auf Dauer stört eher, dass sich das Fortbewegen unnötig steif anfühlt, die Kämpfe häufig die Präzision vermissen lassen und das an sich gelungene Kampfsystem somit eher in der (vor-)letzten Konsolengeneration stecken geblieben ist. Die inhaltlichen und spielerischen Qualitäten und den riesigen Umfang schmälert das nicht, es hindert Mount & Blade Warband nur daran, die großartige Wertung zu erreichen, die man rein von den Features her erwarten könnte.

Pro Contra
+ Schreibt eure eigene Geschichte – Fortbewegung fühlt sich steif an
+ Umfangreiche Charaktererstellung inklusive Hintergrundgeschichte – Angriffen fehlt es an Präzision
+ Vielfältige Quests – Ruckler (vor allem auf der Worldmap) trotz mittelalterlicher Grafik
+ Produktion, Handel, Soldat… Viele spielerische Möglichkeiten – Texte teils zu klein, Überlappungen
+ Überzeugende NPC-Reaktionen & Interaktionen (Beziehungen/Sympathie)
+ Städte teils hübsch anzusehen

Technik: 78

  • Grafik: 56
  • Sound: 82
  • Umfang: 95
  • Gameplay: 71
  • KI: 84

Spielspaß: 79

Einzelspieler

  • Story: Schreibt euch eure eigene Geschichte – Über Königreiche, Kriege… Oder auch nur Handel und Probleme von Dörflern.
  • Wiederspielwert: Groß. Jedes Spiel verspricht etwas Neues und viele, viele Stunden Handlung.
  • Frustfaktor: Steht und fällt mit eurem Geschick und euren Aktionen und deren Bedachtheit.
  • Design/Stil: Realistisch-mittelalterlich. Gelungen, wenn auch technisch angestaubt.
  • Musik/Sound: Die Musik ist gelungen, die Soundeffekte in Ordnung.

Informationen zum Testgerät (Xbox One)
Plattform: Xbox One
Edition: Standard (500GB), ohne ausgetauschte Hardware
Hardware: Titel auf externer Festplatte (2TB, USB 3.0)
Alter des Geräts zum Testzeitpunkt: 1 Jahr, 10 Monate

Wir bedanken uns bei Koch Media für das Pressemuster zu Mount & Blade: Warband!

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Manuel Eichhorn
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