Neurodeck (PC) im Test – Von Ängsten und Sorgen

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Normalerweise sind Kartenspiele Manuels Ding, doch da ich bereits im letzten Jahr die Demo zu Neurodeck für dich gespielt und mich einigen Phobien gestellt habe, war es für mich an der Zeit, auch die Vollversion zu testen. Wie sich Neurodeck auf dem PC via Steam spielt und ob es auch für mich Kartennoob verständlich ist, erfährst du in meiner Review.

Vorsicht, Ängste

Gleich vorweg: Neurodeck ist nicht unbedingt etwas für jemanden, der wirkliche Phobien hat, denn genau diese stehen im Vordergrund des Ganzen. Dass somit große Spinnen auftauchen, gehört tatsächlich zum Programm, allerdings musst du im Grunde so gut wie nicht gegen sie kämpfen, denn du hast bei jeder „Kampfebene“ die Möglichkeit, dich zwischen zwei Phobien der Protagonist:innen zu entscheiden. Es ist also ganz deine Entscheidung, ob du gegen die Spinne oder etwas anderes kämpfst.

Neurodeck kommt sogar zu Beginn jeder Spielsitzung mit einer Warnung daher, dass man sich gleich Ängsten stellen muss und mit Situationen aus dem täglichen Leben konfrontiert ist. Das ist eine ganz nette Warnung, allerdings spielen die Hintergrundgeschichte und das „tägliche Leben“ sowie die Phobien für mich bereits nach wenigen Minuten keine Rolle mehr, denn ich finde mich in einem knallharten Kartenspiel wieder. Ein Kartenspiel, bei dem jede Phobie mit anderen Regeln spielt, und bei dem ich logischerweise relativ stark dem Zufall überlassen bin.

Alles andere verblasst für mich ziemlich schnell in Neurodeck und dass ich hier eigentlich echte Ängste einer fiktiven Person vor mir habe, verschwindet gänzlich aus meinem Gedächtnis. Ich hoffe jede Runde einfach nur, dass ich die richtigen Karten bekomme, um dem „Gegner“ den Garaus zu machen. Das finde ich ein bisschen schade, denn ich hatte ein bisschen mehr auf Hintergrundwissen gehofft. Ein bisschen mehr, was mir die Situation dauerhaft erklärt, vielleicht warum ich genau jetzt in genau diese Phobie laufe. Doch das fehlt gänzlich.

Nebengeschichten, die die Hauptfigur betreffen, gibt es nur in wenigen Situationen und meistens dann, wenn ich beispielsweise eine neue Karte für mein Deck wählen kann. Diese Geschichten werden jedoch so schrecklich langsam eingeblendet, dass ich nicht die Zeit finde, sie zu lesen – im Nachhinein kann ich sie jedoch auch nicht lesen, sodass die Geschichten für mich sehr belanglos und nichtig geworden sind.

In der Mitte entsteht sehr langsam eine Geschichte.

Hier, nimm eine Pizza

Was ich jedoch einen guten Ansatz finde, sind die „positiven“ Karten im Spiel, mit denen ich mich selbst heilen kann. Mal ist es ein köstlicher Apfel, mal einfach nur ein Katzenkissen oder ein Stück Pizza. All diese „Comfy“ Dinge helfen mir dabei, die Stamina und die Sanity – also meine Energie und meine „Klarheit“ – zu stabilisieren und den Schaden, den die Ängste angerichtet haben, zu minimieren. Das ist gut, da all diese Dinge auch dann helfen, wenn ich mich abseits von einem Computerbildschirm unwohl fühle, allerdings haben viele dieser Dinge auch nur einen ähnlich kurzen Effekt wie die im Spiel.

Neurodeck versucht mir auf diese Weise zu zeigen, was ich selbst gegen meine Ängste und Unsicherheiten tun kann. Wenn jetzt nur noch mehr Hintergrundgeschichte dabei wäre.

Meine Hauptangst in Neurodeck ist übrigens das Verlieren selbst, denn während ich in den ersten Runden keine Schwierigkeiten habe und weiß, mit welchen Phobien ich mittlerweile gut zurechtkomme, gucke ich nach einigen Wendungen bereits in den Game Over Bildschirm – und darf dann meine Reise wieder ganz von vorn anfangen. Das nervt mich und ich weiß ehrlich gesagt immer noch nicht, wem dieses ganze roguelike Zeug überhaupt Spaß macht. Mir nimmt es nach einigen erfolglosen Runden immer sämtlichen Spaß an der Sache. Und da sich zudem alle Kämpfe und Ereignisse zufällig anhäufen, kann ich persönlich nicht mal an einer Strategie arbeiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Alles ist hier so stark vom Zufall abhängig, wie auch die Ereignisse zwischendrin: Wenn ich Glück habe, kommt ein Ereignis, bei dem ich meine Grundwerte steigern kann, oder das, bei dem ich ein Gericht essen kann, um in den nächsten Kampf geboostet zu gehen. Ganz selten gibt es Umfragen, mit denen ich passive Kräfte aktivieren kann. Das nervt mich tierisch. Ich will doch einfach nur spielen und ans Ende kommen, mit dem Zufall habe ich bereits im normalen Leben zu viel um die Ohren.

Eine der seltenen Umfragen.

Steuerung: Schön

Wie für ein PC Spiel üblich, steuere ich Neurodeck übrigens ziemlich easy-peasy mit der Maus. Generell ist die Handhabung wirklich einfach und selbsterklärend, es gibt kein ewig langes Tutorial. Stattdessen werden mir nur die Grundlagen erklärt, was in dem Fall ziemlich ausreicht. Man muss auch kein großes Verständnis für Kartenspiele mitbringen, denn alles ist wirklich ziemlich klar und gut verständlich. So an sich gibt es hier wirklich nichts zu meckern.

Ebenso über den grafischen und musikalischen Aspekt. Ich habe tatsächlich mit Kopfhörern gespielt – um den Umräumlärm unserer Nachbarn zu übertönen – und war fasziniert von den kleinen Details im Soundtrack. Da gibt es Atemgeräusche oder Herzschläge, wenn es ein bisschen rasanter zugeht, und auch mal kleines Gasping (dt. Keuchen), was sehr gut passt und für die richtige Stimmung sorgt.

Grafisch ist alles sehr dunkel und düster gehalten, immerhin kämpft man gegen die Ängste der Hauptpersonen. Farblich unterscheiden sich hier nur die „positiven“ Karten, die Stamina und Sanity steigern können und sich um mich kümmern. Zum Konzept des Spiels passt das hervorragend. Lediglich hier und da hätte ich mir mehr Erklärungen einzelner Punkte gewünscht.

Wofür wirst du dich entscheiden?

Fazit: Ich deale selbst mit meinen Ängsten

Die Idee hinter Neurodeck ist ganz nett: Als Kartenspiel getarnt bekämpfe ich Phobien und lerne auf diese Weise Wege kennen, wie ich sie auch im echten Leben bekämpfen kann. Ich folge dabei auch einer Hauptperson, die wohl auch eine passende Geschichte hat, diese tritt jedoch für mich gänzlich in den Hintergrund, sodass ich ziemlich schnell einfach nur ein beinhartes Kartenspiel mit roguelike Aspekten vor mir habe. Wie es für diese Spiele üblich ist, folgt vieles in Neurodeck dem Zufall: Ereignisse sind zufällig, Karten sind zufällig, Phobien sind zufällig. Ich verstehe immer noch nicht, wieso das jemand gut findet. Ich persönlich habe damit meine Herausforderungen, dafür finde ich allerdings den Soundtrack mit seinen genialen Effekten ziemlich gelungen.

Neurodeck ist ein Kartenspiel, das mit Ängsten spielt. Solltest du etwas haben, das dich triggert, mach lieber einen Bogen ums Spiel – oder nutze es, um dir Unterstützung zu suchen. Ich hoffe, dass es für dich nicht auch einfach nur zu einem knallharten Kartenspiel wird, sondern dass du dir auch etwas mitnehmen kannst. Für mich fehlt einfach zu viel Hintergrundwissen, als dass ich einen dauerhaften Zusammenhang bilden könnte. Fans von Kartenspielen werden vielleicht genau das Richtige vorfinden.

ProContra
+ Gute Idee– Zufallscharakter bestimmt alles
+ Simple Steuerung, auch für Neueinsteiger gut geeignet– Roguelike Elemente
+ „Hilfestellung“ für Phobien– Hintergrundwissen fehlt mir, sodass es einfach „nur“ ein Kartenspiel ist
+ Genialer Soundtrack mit den perfekten Soundaspekten– Geschichte verblasst viel zu schnell

Technik: 78
Grafik: 87
Sound: 93
Umfang: 86
Gameplay: 75
KI: 50

Spielspaß: 50

  • Story: Neurodeck lässt dich mit den Ängsten der Hauptpersonen spielen, alles getarnt als roguelike Kartenspiel.
  • Frustpotential: Verdammt hoch, dank sehr nervigen Zufallselementen und roguelike Aspekten. Muss so was nur immer sein?
  • Nachhaltigkeit: Neurodeck könnte tatsächlich nützlich sein.
  • Design/Stil: Ziemlich düster, allerdings sehr passend zu den Ängsten und Sorgen der Hauptpersonen.
  • Musik und Sound: Absolut stunning mit genau den richtigen Soundeffekten, um für Stimmung zu sorgen.

Offenlegung

Ich habe die PC Version zu Neurodeck kostenlos vom Publisher bekommen.

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Beatrice Vogt
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