Night Call (PC) im Test – Die größte Stärke ist unerwartet

In Night Call verschlägt es euch in das Paris der Nacht – als Taxifahrer, dessen Stärke es ist, Leute zum Reden zu bringen. Eure Aufgabe ist nicht das Fahren, sondern Hinweise auf einen Serienkiller zu sammeln. Ihr seid der einzige Überlebende seiner Angriffe und helft nun der Polizei. Die Grundlagen für ein atmosphärisches und erzählerisch starkes Spiel sind gegeben – ob es überzeugt, erfahrt ihr in unserem Test.

Um genau zu sein ist nicht nur ein Serienmörder auf freiem Fuß, sondern gleich drei – Night Call bietet derzeit drei verschiedene Ermittlungen, bei denen es um jeweils einen anderen Serienmörder geht. Die Grundlage jedes Spielablaufs ist aber gleich: Ihr seid sein einziger Überlebender. Erzählerisch bringt so keiner der Fälle etwas neues mit, lediglich die Verdächtigen und die gesammelten Hinweise sind jeweils andere.

Etwa sieben Tage – oder besser gesagt Nächte, denn ihr befördert in eurem Taxi nur im nächtlichen Paris Fahrgäste, habt ihr, um genügend Hinweise zu sammeln, um am Ende einen Verdächtigen zu überführen – oder zu scheitern. Tatsächlich liegt die Entscheidung, wen ihr anklagen möchtet, beim letzten Anruf von Busset, eurer freundlichen Kontaktperson bei der Polizei, ganz bei euch. Selbstverständlich habt ihr in eurer Wohnung eine Tafel mit allen Hinweisen, die ihr euch selbst anordnen könnt, um so die hoffentlich richtige Entscheidung zu treffen. Ich glaube nicht wirklich, dass die Beweise reichen, um eine objektive Entscheidung zu treffen, allerdings lag ich bei den Ermittlungen instinktiv dann doch immer richtig – ich glaube, dazu muss man nur genügend Krimiserien kennen.

Hinweise sammeln, ermitteln, selbst aus allen Indizien Rückschlüsse ziehen – das alles ist erst einmal wunderbar episch. Viel mehr als in anderen Action-Adventures der letzten Jahre hatte ich bei Night Call den Eindruck, tatsächlich selbst zu ermitteln, denn nicht zuletzt sind die gesammelten Hinweise ja davon abhängig, wen man in seinem Taxi herumgefahren hat. Je mehr der möglichen Fahrgäste man bereits kennengelernt hat, desto öfter erfährt man bereits vorher, wer gleich einsteigt und kann so eine Wahl treffen, denn selbstverständlich seid ihr nie an einen bestimmten Fahrgast gebunden, sondern könnt euch jeweils auswählen, wen ihr mitnehmt. Das Auftauchen auf der Karte ist allerdings zufällig, doch während jeder in Paris etwas über den Serienmörder zu wissen scheint, gibt es natürlich auch einige Fahrgäste, die nichts wissen und mit denen ihr ausschließlich über deren private Probleme redet.

Die Begegnungen mit euren Fahrgästen sind zufällig, allerdings könnt ihr schon vorher sehen, um wen es sich handelt, wenn ihr die Person schon kennt.

Die Spannung liegt nicht in der Ermittlung

Genau da liegt auch die Stärke von Night Call. Mittlerweile denke ich, dass es dem Spiel vielleicht besser bekommen wäre, sich auf eine Ermittlung zu konzentrieren, diese aber etwas größer aufzuziehen – gleichzeitig sind dafür zentrale Elemente wie das Hinweisbrett oder die erzählerische Struktur aber auch gar nicht gemacht.

Seine besten Momente hat Night Call aber dann, wenn die besonderen Fahrgäste bei euch einsteigen – eine Autorin, die seit elf Jahren an einem Gedicht schreibt und durch euch endlich die finale Inspiration findet, ein Ehepaar, das einen geeigneten Samenspender für ihr Kind sucht, oder eine gescheiterte Kreative, die ein Trauma von der Ehe mit ihrem Mann davongetragen hat. Lediglich wenn sie mit tiny dick um sich wirft, scheint das ganz mit Absicht zu sein.

Vor allem, wenn man diese Fahrgäste wiederholt trifft und sie so nach und nach ihre vollständige Geschichte erzählen, reißt einen Night Call wirklich mit. Im direkten Vergleich dazu bleibt die Ermittlung an sich blass und platt. Unpassenderweise werden eben genau Hinweise, die ihr von Fahrgästen zum Mörder erhalten, eben nicht ausformuliert, sondern nur allgemein gehalten – es wird nur eine Meldung angezeigt, dass dieser Fahrgast etwas weiß oder zu wissen glaubt, mehr aber auch nicht.

Das zentrale Feature von Night Call ist aus diesem Grund überhaupt nicht enthalten, oder nur in kleinen Teilen – ihr müsst die Leute nicht zum Reden bringen, um einen Serienkiller zu schnappen, denn diese Hinweise trudeln schon fast automatisch bei euch sein. Stattdessen solltet ihr Night Call als das sehen, was es ist: Ein starker digitaler Roman, der seine größten Stärken aus den zufälligen Begegnungen zieht.

Sogar eine Katze gehört zu euren Fahrgästen und gehört zu den speziellsten Begegnungen.

Übergestülptes Wirtschaftssystem

Auch visuell gibt es daran nichts auszusehen, vor allem in Verbindung mit dem Soundtrack liefert Night Call eine starke Atmosphäre auf euren PC Bildschirm. Auch die Fahrgäste verfügen über Animationen, die gut zum Geschehen passen. Der Ablauf der Visualisierung passt aber nicht immer, vor allem, wenn ihr die Fahrten nicht automatisch durchlaufen lasst, sondern schneller klickt. Da steht dann auch mal im Text, dass euer Fahrgast energisch herumfuchtelt, doch eigentlich sitzt er mit dem Gesicht in den Händen auf der Rückbank. Manchmal habt ihr laut Text auch angehalten, während ihr aber gerade noch fahrt – solche Dinge sind etwas ärgerlich und reißen aus dem starken erzählerischen Erlebnis.

Ich bitte euch – spielt Night Call im einfachsten Schwierigkeitsgrad, denn dann könnt ihr euch voll und ganz auf diese starken Erzählungen konzentrieren. Nebenbei sollt ihr nämlich eigentlich darauf achten, dass euch das Geld nicht ausgeht, was natürlich als Taxifahrer auch nicht reichlich gesät ist. Abhängig davon, wie ihr eure Gespräche führt, springt mal mehr oder weniger Trinkgeld heraus, doch leider scheinen auch die Verdienste zufällig generiert zu sein. Manchmal wird angezeigt, dass ein großzügiges Trinkgeld ausgehändigt bekommt, doch am Ende erhaltet ihr trotzdem nur den Standardpreis.

Ich habe so in meinen Durchgängen nicht herausgefunden, welcher Logik das Geld folgt – manchmal lief einfach alles daraufhin, dass ich in der fünften oder sechsten Nacht pleite ging – ein Kontostand im Minus ist zwar nicht so dramatisch, wenn dann aber noch der Tank leer wird, schon. Dann ruft euch eigentlich euer Chef an und entzieht euch Taxi und Lizenz. Glücklicherweise kann man Night Call in diesem Fall leicht veräppeln: Lädt man anschließend das entsprechende Spiel wieder, geht es einfach mit der darauffolgenden Nacht weiter – zwar immer noch mit leerem Konto, aber mit vollem Tank. Hoffentlich patcht man dieses Feature (ich nenne es bewusst nicht Bug) nicht heraus, denn das würde den Frustfaktor von Night Call deutlich erhöhen.

Wie genau man Geld verdient, bleibt undurchsichtig.

Zufall bedeutet Wiederholung

Die drei Ermittlungen in Night Call sind leider nur isoliert voneinander spielbar und bauen nicht aufeinander auf – eben weil ihr immer ein Opfer des jeweiligen Serienmörders wart. Zwar gibt es das Passidex, das alle bisher in Durchgängen gesammelte Begegnungen und Gespräche aufzeichnet und euch einen Überblick gibt, wie viele er potentiellen Fahrgäste von Paris ihr bereits kennengelernt habt, doch durch diese neuen Durchgänge entstehen auch viele Wiederholungen, die dafür sorgen, dass man Night Call schon sehr lange spielen muss, um alle zu treffen. So viel gibt es Rahmenkonstrukt leider nicht her.

Auch Night Call ist ein Spiel, das für mich beweist, dass prozedurale Generierung nicht immer guttut. Zwar ist es okay, dass die Fahrgäste immer zufällig in Paris verteilt werden, allerdings wäre Night Call insgesamt ein noch fesselnderes Erlebnis, wenn man einfach eine zusammenhängende Geschichte erzählt hätte. Nach dem Aufklären des ersten Mordes bittet euch die Polizei einfach weiter um Unterstützung, um andere Fälle aufzuklären, Punkt. So hätte man auch sicherstellen können, dass bei der nächsten Ermittlung der Loop mit einem bestimmten Fahrgast eben nicht wieder von vorne losgeht … denn so viel, um alle Fahrgäste und Gesprächsthemen zu sammeln, gibt das “Hauptspiel” einfach nicht her.

Im Passidex wird alles bisher Gesammelte zusammengefasst.

Fazit: Das Hauptfeature ist nicht die Stärke

Es ist schon etwas schade, dass eben dieses Hauptspiel in Night Call die eigentlichen Stärken ausbremst, denn diese liegen ausgerechnet nicht in der zentralen Handlung. Das Schnappen des Serienmörders ist in Night Call nur das blasse Rahmenkonstrukt, in dem ihr ein großartiges erzählerisches Erlebnis findet: Seine größten Stärken hat Night Call dann, wenn ihr die Fahrgäste befördert, die mit dem eigentlichen Mordfall gar nichts zu tun haben. Hier haben die Entwickler keine Mühen gescheut, um die verschiedensten Geschichten zu schreiben, und es wird Stunden dauern, alle zu hören. Doch so viel gibt das Hauptspiel mit einer Spielzeit von rund drei Stunden für einen Durchgang gar nicht her – besser für Night Call wäre eine zusammenhängende Erzählung statt isolierter Ermittlungen gewesen, oder sogar der Schritt zu einer Visual Novel, in dem es wirklich nur ums Taxifahren in Paris geht, auch ohne das undurchsichtige Wirtschaftssystem. Im Endeffekt müsst ihr euch jetzt nur als Spieler auf die erzählerischen Höhepunkte konzentrieren, die in Night Call warten.

Hinweis: Night Call ist momentan nur auf Englisch spielbar, eine deutsche Übersetzung soll aber bald folgen, wie die Entwickler auf Steam bestätigen.

ProContra
+ Viele verschiedene Geschichten mit einzigartigen NPCs- Hauptermittlung bleibt flach
+ Tolle Atmosphäre- Undurchsichtiges und mitunter frustrierendes Wirtschaftssystem
+ Visuell stark...- ... aber nicht immer passt Angezeigtes zum Inhalt
+ Passender Soundtrack- Wiederholungen bei neuen Durchgängen
+ Speichersystem nicht konsequent...- ... was hoffentlich Feature anstatt Bug ist, sonst besteht Frustgefahr

Technik: 67
Grafik: 81
Sound: 80
Umfang: 69
Gameplay: 69
KI: 38

Spielspaß: 69

  • Story: Die erzählerischen Highlights befinden sich ausgerechnet abseits des Hauptweges, denn die Ermittlungen nach dem Serienmörder bleiben platt.
  • Frustfaktor: Erstaunlicherweise vorhanden, da das integrierte Wirtschaftssystem sehr seltam ist.
  • Wiederspielwert: Vorhanden, denn es wird eine Weile dauern, alle Erzählungen zu sammeln.
  • Design/Stil: Visuell top, auch wenn nicht immer alles angezeigte zum Inhalte passt, was etwas die Erzählung ausbremst.
  • Musik und Sound: Gut und atmosphärisch, aber nicht sehr vielfältig.

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